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25 JAHRE – MIT UND OHNE PAPPE

Seit 1985 arbeitet Frank Viehweg freischaffend als Liedermacher, Textautor und Nachdichter. In der DDR war dafür eine staatliche Spielerlaubnis notwendig, umgangssprachlich „Pappe“ genannt, erst dann durfte man offiziell auf eine Bühne klettern. Im Frühjahr vor 25 Jahren erteilte der Magistrat von Berlin, Hauptstadt der DDR, Frank Viehweg die Zulassung Nr. XV/1346 für frei- oder nebenberufliche Tätigkeit auf dem Gebiet der Unterhaltungskunst, für das Fach Gesang (Liedermacher). Fünf Jahre später hatte sich diese Reglementierung erledigt, manches andere allerdings auch.

Seit dieser Zeit veröffentlicht Frank Viehweg seine Lieder und Texte kontinuierlich auf CDs und in Büchern. Zum 25jährigen Bühnenjubiläum erscheint in einer limitierten Auflage die CD „Mein Grund –nackt–“, eine 2002 live im Studio eingespielte Version (Gitarre & Gesang) der späteren Produktion „Mein Grund“. Und wer vielleicht mehr an Feierlichkeiten oder gar ein Bankett vermißt, dem sei im Folgenden ein Text aus den guten alten Zeiten präsentiert. Er entstand während eines nachempfundenen Dichterwettstreits auf eine Zeile von Francois Villon:


VOR DER ERÖFFNUNG EINES BANKETTS

Vor vollen Schüsseln muß ich Hungers sterben
Da vorn der Redner spricht und spricht und spricht
Salate fangen an, sich zu verfärben
Ich könnte essen, doch ich esse nicht

Ich habe es gelernt, mich zu benehmen
Ich seh, was daran gut ist, wirklich nicht
Es fällt mir langsam schwer, mich zu bezähmen
Der Redner aber spricht und spricht und spricht

Mein Magen dreht sich um und um und wieder
Ein neues Blatt, der Redner spricht und spricht
Ach, Reden sind genauso schlecht wie Lieder
Ich könnte essen, doch ich esse nicht

Es hört nicht auf! Mein Gott, man muß doch essen
Das müssen alle! Und ein Redner nicht
Für alles ist die Zeit genau bemessen
Der Redner aber spricht und spricht und spricht

Die Übelkeit ist nicht mehr zu ertragen
Wer schiebt dem Kerl ein Weißbrot ins Gesicht
Um ihm dann bei dem kleinsten Mucks zu sagen
Mit vollem Mund, Genosse, spricht man nicht

Ich bin es nicht. Ich werde Hungers sterben
Vor vollen Schüsseln. Ich berühr sie nicht
Und mein Gesicht beginnt sich zu verfärben
Der Redner aber spricht und spricht und spricht ...

Frank Viehweg © 1986


 

 

NEUES ZWISCHEN BERLIN UND OSTRAVA

Nach zwei erfolgreichen Konzerten mit Jarek Nohavica in Berlin begibt sich Frank Viehweg Anfang November zu einer kleinen Tournee in die Tschechische Republik. In der Besetzung des „Drei-Länder-Eck-Konzertes“ vom Februar mit Jarek Nohavica und dem Warschauer Barden Tolek Muracki stehen drei Liederabende in Böhmen und Mähren auf dem Programm.

Eindrücke von den Konzerten in Berlin gibt es auf der Seite Jarek Nohavica on the road 2009. Und wer des Tschechischen nicht ganz so mächtig ist, kann hier sogleich den Text von Henry-Martin Klemt im Original lesen.

LIEDER SIND SCHWALBEN – SIE FLIEGEN DURCH EUROPA

Ein Mann wie ein Ofen. Nicht nur, dass er wärmt – eine tschechische Berghütte, ein polnisches Theater, ein deutsches Kulturhaus. Als Jaromir Nohavica in einer alten Fabrikhalle seiner Heimatstadt Ostrava spielte, waren die 5000 Karten nach dreißig Minuten ausverkauft. Also gab er ein zweites Konzert... Nicht nur, dass er eine Bühne füllt bis zum Rand, den das Scheinwerferlicht schon nicht mehr erreicht, das den Mann eingefangen hat mit seiner Gitarre, seiner Heligonka. Nohavica verbreitet eine Atmosphäre, in der Menschen sich zu Hause fühlen, erkannt und aufgehoben. Kein internationaler, kein tschechischer Musiker kann jahrelang mithalten bei der Zahl seiner verkauften Tonträger. Aber er ist kein Popstar. Er erhält, als erster Liedermacher überhaupt, den höchsten Literaturpreis seines Landes. Aber er ist kein Schriftsteller. Seine Lieder, einige hundert nun schon, werden gedruckt, damit man sie nachlesen kann. Meistens werden sie mitgesungen. Manchmal schließt der Sänger den Mund mitten im Lied, ohne dass es verstummt.

Was hat den 1953 geborenen Bibliothekar zum Volkssänger gemacht? Nach dem Konzert wechselt er nicht das Hemd, nur den Ort. Wenn in der Kneipe Leute um ihn herum sind, die er mag, redet und lacht er, schaut in die Runde, verschränkt die Hände im Nacken. Vielleicht packt ja doch noch jemand eine Gitarre aus. Vielleicht holt auch die Heligonka noch einmal Luft. „Lieder sind Schwalben – sie fliegen durch Europa“, meint Nohavica. Er singt wie ein Mann, der nie allein ist, aber immer bei sich. Das ist ansteckend wie ein Traum, vor allem, wenn es kein Traum bleibt. Er ist der Sklave, der Steine zu Pyramiden schichtet und Schrauben in den Rumpf der Düsenjäger dreht. „Und würdet ihr mir zuhörn, hätt ich was zu sagen. So bin ich nur ein alter Ochse vor dem Pflug“, heißt es in seinem Plebs-Blues. Beim Erscheinen des Halleschen Kometen wandert er mit dem Himmelskörper über die Erde hin, die nur einmal so sein kann, wie jetzt. „Wenn er zurückkehrt, wird keiner von uns mehr sein“, aber jemand wird singen. Er ist der von Gott Vergessene und der von einem menschlichen Engel Beschützte. Er ist der Bräutigam, der seine Liebste zur Hochzeit nach Sarajewo führt, und der Zornige, der den Söldnern verspricht, die Rechnung ihrer Höllenfahrt zu zahlen. Zärtliche Heiterkeit, fluchender Sarkasmus, und immer wieder ein Rhythmus, der zum Tanz einlädt.

Lieder fliegen durch Europa, aber sie brauchen jemanden, der sie empfängt, damit sie landen, ihr Nest baun, uns die kommenden Wetter verraten und wie man, an einen Sims geklebt, überlebt und Junge großzieht. Sie brauchen ein wenig Glück und Dichter jenseits der gesendeten Kultur. In Polen war das für Jaromir Nohavica der Liedermacher Antoni Muracki. In Deutschland ist es Frank Viehweg, Liederdichter aus Berlin, der seit fast zehn Jahren Nohavicas Lieder überträgt. Gemeinsam waren sie Anfang des Jahres bei einem Konzert „Dreiländereck“ im Rahmen des Festivals Musik und Politik in der Berliner Wabe zu erleben. Unter dem Titel „Dokud se zpívá – Solange man singt“ hat Frank Viehweg in der Reihe NoRa Lyrik einen Band mit Liederversen veröffentlicht, ergänzt mit einem Album, das 20 unplugged gespielte Titel umfasst. Nohavicas und Viehwegs Vorworte verraten etwas darüber, was Liedern Flügel gibt, sie erzählen – wie die Lieder selbst – etwas über „leicht verschrammte“ Biografien. Einmal mehr offenbart sich Viehweg als erfahrener, einfühlsamer Nachdichter, der im Fremden das Eigene sucht und sich jener Texte annimmt, die ihm nicht nur zugeflogen sind, sondern auch in seiner Welt daheim. Buch und Album sind aber auch eine Hommage an den Freund, der solche Lieder schreibt. Sie zollen der Hoffnung ihren Tribut und sie vertrauen dem, was so beständig ist wie Schwalbenflug. „Der Himmel ist an jedem Ort.“

Henry-Martin Klemt


 

 

SOLANGE MAN SINGT – LIEDER-VERSE NACH JAROMÍR NOHAVICA
Buch und CD (Nora-Verlag/Raumer Records)

Ein weiteres mal stellt Frank Viehweg seine Arbeit in den Dienst einer (scheinbar) fremden Poesie und präsentiert Lieder des bedeutendsten tschechischen Liedermachers Jaromír Nohavica. Das Buch enthält 42 Lieder in deutscher Übertragung, 20 davon hat Frank Viehweg ausgewählt und für eine beiliegende CD live im Cantaré-Studio aufgenommen.

Im Oktober präsentiert er im „Zimmer 16“ das neue Werk mit einem Konzert. Aus diesem Anlaß kommt Jaromír Nohavica nach Berlin und wird auch in einem eigenen Konzert zu erleben sein.

ZWISCHEN BERLIN UND OSTRAVA

1
Die Geschichte beginnt im Jahre 2000 in Cesky Krumlov, einer bezaubernden Mittelalterstadt in Südböhmen. Zwei Wochen lang schaut mich in allen Straßen ein Gesicht von einem Plakat an. Es will mir die neue CD von Jaromír Nohavica offerieren, den ich nicht kenne. Am letzten Tag meines Aufenthaltes gehe ich in einen Plattenladen und frage, wer dieser Kerl ist, der mich seit vierzehn Tagen verfolgt. Die Verkäuferin legt die CD „Moje smutné srdce“ in den Spieler, und schon die ersten Töne nehmen mich gefangen. Acht Jahre später wird mir Jarek sagen, daß diese Scheibe völlig untypisch für ihn ist.

2
Seit vielen Jahren bin ich neben der eigenen Produktion damit beschäftigt, Lieder aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übertragen und zu singen. Es sind Lieder, von denen ich sage, ich hätte sie selber gerne geschrieben, aber ich kam zu spät. Immer wieder fasziniert es mich, daß Menschen, die mitunter scheinbar weit entfernt von mir und unter völlig anderen Umständen als ich leben, Lieder schreiben, die meine Intentionen sehr genau treffen. Im Jahre 2004 gebe ich ein Buch mit dem Titel „Eine andere Stimme – Meine fremden Lieder“ heraus. Es beinhaltet Nachdichtungen aus zwanzig Jahren, darunter die ersten Übertragungen von Liedern Jarek Nohavicas.

3
In der Zwischenzeit versorge ich mich während eines Prag-Aufenthaltes mit weiteren CDs des tschechischen Barden und schreibe das Lied „Tribut“ auf eine Melodie von Jarek Nohavica. Es erscheint 2003 auf der CD „Mein Grund“. Da ich der tschechischen Sprache nicht mächtig bin, bediene ich mich eines, seit der babylonischen Sprachverwirrung, üblichen Verfahrens. Die Grundlage für meine deutschen Versionen bilden Interlinearübersetzungen, angefertigt von Menschen, die meinen poetischen Fähigkeiten, hoffentlich zu recht, vertrauen. Ich verneige mich in Dankbarkeit vor Leszek Berger, Magdalena Krause und Jan Vlasák.

4
Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Im März 2008 bin ich gemeinsam mit dem polnischen Barden Antoni Muracki eingeladen, in Zielona Gora an einem Konzert von Jarek Nohavica teilzunehmen. Wir singen im Lubuski Teatr vor etwa 400 begeisterten Gästen einige von Jareks Liedern in jeweils polnischer und deutscher Übertragung. Den Abschluß des rund zweistündigen Konzertes bildet das Lied „Dokud se zpívá“ (Solange man singt), das wir gemeinsam mit Jarek in tschechisch, polnisch und deutsch singen. Ein Tscheche, ein Pole und ein Deutscher stehen gemeinsam auf der Bühne, und es ist mehr als eine Geste.

5
Zurückgekehrt nach Berlin, setze ich mich an den Schreibtisch, die Gitarre griffbereit, und verschwinde für ein halbes Jahr in der Liederwelt des Jarek Nohavica. Am Ziel dieser Reise stehe ich mit rund vierzig Nachdichtungen und so langsam wird es Zeit für eine Neuauflage der Begegnung im Polnischen. Im Februar 2009 präsentiert das Festival „Musik und Politik“ in der Berliner WABE das Drei-Länder-Eck-Konzert. Vor einem deutsch-tschechisch-polnischen Publikum stehe ich erneut mit Jarek und Tolek auf der Bühne. Nach einem wunderbaren Konzert verabrede ich mich mit Jarek Nohavica zur Premiere des nun vorliegenden Buches, und die Geschichte ist nicht beendet.


 

 

INTERVIEW www.deutsche-mugge.de VON ANDREAS HÄHLE

Das Premierenkonzert zur aktuellen CD „Fremdes Land“ Anfang April in Berlin als Anlaß nehmend, trafen sich Frank Viehweg und Andreas Hähle am 18. April 2009 zu einem Interview über die Arbeit des Liederdichters, die neue Scheibe und zukünftige Projekte.

 

DIE BESONDERE: FRANK VIEHWEG „FREMDES LAND“
nach Gedichten von Henry-Martin Klemt

(Raumer Records RR 17508, www.raumer-records.de)

Eigentlich ist diese Produktion der Extraklasse ein vertonter Lyrikband. Die Gedichte aus der Feder von Henry-Martin Klemt, von denen der Berliner Liedermacher Viehweg sagt, sie seien „Texte, von denen ich träumte, ich hätte sie selber schreiben wollen“, zeichnen sich durch eine literarische Qualität aus, wie sie so außerordentlich bei vergleichbaren Liedermacher/Chanson-Veröffentlichungen nur selten ist. Inhaltliche Tiefe, bedenkenswerte Gedankengänge und aussagekräftige Metaphern („Behutsam teilen wir uns am Ufer die Worte ein für die Nacht“), gepaart mit handwerklichem Können – alles andere, als eine Selbstverständlichkeit im Dschungel heutiger, liedtechnischer Geschwätzigkeit. Stellenweise weise. Kommt dann noch ein Musikant wie Frank Viehweg hinzu, der mit sicherem Gespür für jeden Text die angemessene Melodie findet, dann muss etwas Besonderes dabei herauskommen. Eine zusätzliche Bereicherung erfährt das Gesamtwerk durch die Rezitationskunst der Schauspielerin und Sängerin Gina Pietsch. Die Brecht-Interpretin spricht zwischen den Liedern sieben Gedichte von Henry-Martin Klemt auf derart gekonnte Weise, dass dem Hörer schon mal der eine oder andere wohlige Schauer über den Rücken laufen kann. Neben Frank Viehwegs klarem Gesang (und Gitarrenspiel), Dirk Müller (Kl, Akkordeon) und Matthias Nitsche (Perk, Ges, Charango) ist das ehemalige Pankow-Mitglied Jürgen Ehle an Gitarre, Bass und Mundharmonika zu hören. Das Booklet enthält zwar sämtliche gesungenen Liedtexte, nicht jedoch die gesprochenen Gedichte. Vergeblich sucht der interessierte Hörer auch nach ein paar Informationen zu Henry-Martin Klemt, Frank Viehweg und den übrigen Mitwirkenden. Doch gibt es ja das Internet, über das man beispielsweise erfahren kann, dass Viehweg und sein Freund Klemt im selben Jahr geboren wurden, 1960, und dass Letzterer am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig studierte, dem DDR-Schriftstellerverband nachtrauert, seinen Westkollegen misstraut und in Frankfurt/Oder lebt.

Kai Engelke Folker! 03/09

 

 

FREMDES LAND – DAS NEUE ALBUM VON FRANK VIEHWEG
nach Gedichten von Henry-Martin Klemt (Raumer Records 17508)

Mit seiner neuen CD hat sich Frank Viehweg einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Nach über einem viertel Jahrhundert der Freundschaft mit dem Dichter Henry-Martin Klemt, legt er ein Album mit Liedern des Frankfurters vor. „Siebzehn Texten des Dichters habe ich nachgelauscht“, sagt der Berliner Liedermacher, „Texte, von denen ich träumte, ich hätte sie selber schreiben wollen.“
Bei der Produktion der CD standen Frank Viehweg in bewährter Weise die Musiker Jürgen Ehle, Dirk Müller und Matthias Nitsche zur Seite. Komplettiert wird die Scheibe durch sieben Gedichte, gesprochen von der Schauspielerin und Brecht-Interpretin Gina Pietsch.
Für die Lieder selbst trifft vielleicht Viehwegs Wortfindung der „politischen Liebeslieder“ am ehesten zu. Damit aber soll dem Hören nicht vorgegriffen werden.

 

 

 

 

 

FRANK VIEHWEG & HENRY-MARTIN KLEMT
JAHRGANG 1960 – ZWEI DICHTER IM KONZERT

EIN BISSCHEN TRAURIG UND AUCH EIN BISSCHEN FROH...

„Wir haben für unseren Abend bewußt einen Termin zwischen den Feiertagen gewählt“, eröffnet der Berliner Liedermacher Frank Viehweg augenzwinkernd, - „entscheiden dürfen sie natürlich selbst ...“. Es ist Samstag, der 4. Oktober und in einer großen Halle in Berlin singt Leonard Cohen vor ausverkauftem Haus. Dennoch bleibt auch in dem kleinen Theater „Zimmer 16“ in Pankow, Florastraße 16, kein Platz frei.

Viehweg hat hier einen großen Teil seiner Werke auf den Weg in die Welt gebracht und das sind mittlerweile immerhin 8 Bücher und 5 CDs. Zuletzt erschienen die CD „Spurensicherung“ 2006 und 2007 das Buch „Verschwunden ohne Spur“. Das Lieder-Verse-Buch mit Texten nach Juri Schewtschuk, dem Leadsänger und Poeten der aktuell berühmtesten Rockgruppe Russlands „DDT“, ist ein bitterer und heilender Trank, gemischt aus Viehwegs unverkennbarer Handschrift als Nachdichter und Schewtschuks schierlinghaltigen Metaphern.

Auch wenn an diesem Abend keine Premiere angesagt ist, geht es doch um Neues. Der Dichter Henry-Martin Klemt aus Frankfurt (Oder) hat in diesem Frühjahr ein Buch unter dem Titel „Was ich will“ veröffentlicht. „dass im rücken sich die wand / öffnet vor dem jüngsten tag / und ich wende mich ins land / das ich hintern rippen trag / heißes wachs tropft auf die hand / und du stehst in licht gehüllt / das ist, was ich will / das ist was ich will“ liest er eindrucksvoll aus seinem sechsten Gedichtband das Bekenntnis, das dem Buch den Titel gab. Und so präsentieren sich an diesem Abend zwei Künstler und Freunde, die mehr verbindet als das gemeinsame Geburtsjahr. Sie kennen sich seit mehr als 25 Jahren und wissen, dass der jeweils andere auf Anhieb die gleichen Sterne am Himmel der Poesie findet, wenn von deren Koordinaten die Rede geht...

In diesen Kosmos nehmen sie das Publikum nach der Pause mit. Klemt liest seine Nachdichtungen von Wladimir Wyssozki, Bruce Springsteen, Joan Baez. Viehweg singt Lieder von Juri Schewtschuk, Silvio Rodriguez, Jarek Nohavica. Ihre Welt ist größer als die narzistische Nabelschau im deutschen Literaturzirkus der Gegenwart, das beweisen sie ohne angestrengte Gesten. Vielleicht ist es unser größter Vorteil, daß wir die Verhältnisse mit der Erfahrung eines anderen Landes und eines anderen Lebens sehen. Wir wissen: Wenn deutsche Politiker die Einheit beschwören, dann meinen sie Gleichschritt. Klemt und Viehweg kennen die Synkopen ihrer Herzen und den Wechselschritt der Olsenbande. Und so singen und lesen sich die beiden Poeten in die Herzen der Zuschauer, bis diese sie, erst nach drei Zugaben, von der Bühne gehen lassen.

Zuvor allerdings geben die Sternenflieger noch einen Ausblick auf das nächste Frühjahr. Am 04.April 2009 wird es im Herzen Pankows, im „Zimmer 16“ in der Florastraße auch wieder eine Premiere geben. Ein gemeinsames Projekt ist auf dem Weg. Eine CD mit Liedern von Klemt, vertont und gesungen von Viehweg.

Als wir weit nach Mitternacht hinaus unter den Sternenhimmel treten, begleitet mich der Refrain eines Liedes von Jarek Nohavica. „Ein bisschen traurig und auch ein bisschen froh“. Ach ja, das Leben. Ich entscheide für mich: Zum Teufel mit den verordneten Feiertagen, so lange man solche Abende feiern kann...

Maik Altenburg

 

 







 

 

 

 

NEUES ZWISCHEN BERLIN UND OSTRAVA

Seit einigen Jahren ist Frank Viehweg damit befaßt, Texte des heute bedeutendsten tschechischen Liedermachers JAROMÍR NOHAVICA nachzudichten.
Am 15. März 2008 war er gemeinsam mit dem polnischen Barden ANTONI MURACKI eingeladen, in Zielona Gora am Konzert von JAREK NOHAVICA teilzunehmen. Und so sangen TOLEK und FRANK im Lubuski Teatr vor etwa 400 begeisterten Gästen einige von JAREKS Liedern in jeweils polnischer und deutscher Übertragung. Den Abschluß des rund zweistündigen Konzertes bildete das Lied „Dokud se zpívá“ (Solange man singt), das JAREK, TOLEK und FRANK gemeinsam in tschechisch, polnisch und deutsch sangen. Ein Tscheche, ein Pole und ein Deutscher standen gemeinsam auf der Bühne, und es war mehr als eine Geste.
Fotos vom Konzert und um das Konzert herum gibt es auf dieser Website und auf dem MySpace-Profil von FRANK VIEHWEG zu sehen (www.myspace.com/frankviehweg). Darüber hinaus existiert ein kleines Profil in tschechischer und deutscher Sprache auf der Website von JAROMÍR NOHAVICA (http://www.nohavica.cz): FRANK VIEHWEG prekládá JARKA NOHAVICU. Neben FRANK VIEHWEGS Nachdichtungen finden sich dort auch einige Live-Mitschnitte.
Für einen kleinen Vorgeschmack folgt hier der Text des erwähnten Schlußliedes aus dem Konzert in Zielona Gora:

SOLANGE MAN SINGT
nach Jaromír Nohavica

Halbstündlich fahren die Züge zur Lebenslaufschicht
Gestern hab ich nicht geschlafen und heut schlaf ich nicht
Heilger Medard, mein Patron, gibt mir zärtlich die Sporn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn

In einer Markthalle kauf ich mir’n Hefeteigzopf
Hab für die Liebe das Herz, für die Lieder den Kopf
Seit meiner Schulzeit weiß ich aus den Lebenskontorn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn

Fahrscheine kleb ich ins Album nach Fahrziel und Zeit
Und hier am Anfang des Wegs scheint das Ende noch weit
Wie’n Leporello wird stetig das Leben geborn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn

Hundertmal hab ich gespielt und bezahlt jedesmal
Und auf der Achterbahn dreht es dich ganz kolossal
Habn sich die Aasgeier längst auch auf mich eingeschworn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn

Halbstündlich fahren die Züge ans Ende der Welt
Ich hab am Telefon all meine Freunde bestellt
Aus weiter Ferne klang mir dieser Satz in den Ohrn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn

Frank Viehweg © 2005

 

TEATR LUBUSKI, ZIELONA GÓRA, 15-03-2008, GODZ. 19:00

So, wie nach der finstersten Nacht ein Morgen kommt und die Sonne aufgeht, und ein geworfener Stein immer wieder auf die Erde fällt, mobilisiert jeder Besuch und Auftritt von JAREK NOHAVICA seine alten und immer neuen Fans, die Konzertsäle zu füllen. Nicht anders war es auch diesmal, am Samstag, dem 15. März im „Teatr Lubuski in Zielona Gora“. JAREK hatte für diesen Abend eine besondere Überraschung vorbereitet, zwei durch ihn selbst eingeladene Gäste: Als ersten bat er TOLEK MURACKI auf die Bühne, einen der wichtigsten Vermittler JAREKS Kunst in Polen, der seine Lieder nachdichtet und singt. Zwei davon waren an diesem Abend zu hören.
Als zweiter erschien auf der Bühne – und das war für viele die größte Überraschung des Abends, insbesondere aus unserem slawischen Gesichtspunkt – der deutsche Liedermacher und Sänger Frank Viehweg, der unter anderem die Lieder von JAREK NOHAVICA ins Deutsche überträgt. Drei davon hatte er für diesen besonderen Abend vorbereitet. So trafen sich in der polnischen Stadt Zielona Gora, dem zentralen Punkt Europas, zum ersten Mal ein Tscheche und ein Deutscher. Und ganz wie die Braut aus der „Tesinska“, sprachen wir polnisch, tschechisch, deutsch und darüber hinaus auch englisch. Zum allerbesten Dolmetscher aber wurden die Lieder selbst, deren Melodien und Worte und die daraus fließenden Emotionen.
So wurden die Werke JAREK NOHAVICAS augenblicklich grenzüberschreitend, und verbanden – wie ein Magnet – mit ihrer Energie Sprachen, Menschen und Völker. Besonders deutlich wurde dies in einem Lied kurz vor Ende des Konzertes, gemeinsam gesungen von allen drei Künstlern in drei Sprachen, „unplugged“ begleitet durch JAREKS „Heligonka“, ein bisschen wie in der Atmosphäre einer Kneipe. Es war das wunderschöne Lied von JAREK NOHAVICA, das uns sagt:: „Dokud se zpívá, ješte se neumrelo / Dokad sie spiewa, wciaz sie zyje i trwa / Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn“.

Artur Lewandowski
(aus dem Polnischen von Leszek Berger)

http://www.nohavica.cz/_pl/jn/video/video_archiv.htm

 

 

  VERSCHWUNDEN OHNE SPUR
Lieder-Verse nach Juri Schewtschuk
Das neue Buch von Frank Viehweg im NORA Verlag

„Nachdem Frank Viehweg in den vergangenen Jahren mit Nachdichtungen von Liedpoeten aus zahlreichen Ländern - Shakespeare inklusive - brillierte, hat er sich nun Jurij Schewtschuk zugewandt. Das Schneeballsystem funktioniert. Wer mit zwanzig Jahren Okudshawa entdeckte und mit einundzwanzig Wyssozki, der kommt an der heute berühmtesten Rockband Russlands nicht vorbei. Schewtschuk ist Gründer, Leadsänger, Komponist und Texter von DDT.

Den eigenen Tod eher in Kauf nehmen als den fremden, wenn die Waffen brüllen, ist ein Gedanke, der sich durch Schewtschuks Werke zieht. Die eigene Liebe wird nicht dadurch glaubhafter, daß man für sie stirbt, sondern dadurch, daß man für sie lebt. Vielleicht kann einer sich so dem Vergessen entreißen, der Spurlosigkeit. Die Niederlage ist vorläufig. Die Provokation, die in ihr liegt, ist von Dauer.

Frank Viehweg lauscht ihr nach und haucht den Texten seines Wahlverwandten den Ton ein, mit dem er sich kenntlich macht im Eigenen wie im Fremden. Zugleich trägt er die poetische Welt Schewtschuks weiter, seine grimmige Ironie, sein lakonisches Unbehaustsein.“

Henry-Martin Klemt

Am 27. Oktober 2007 wird Frank Viehweg im ZIMMER 16 in Berlin-Pankow das Buch mit einem Konzert präsentieren, gemeinsam mit den Musikern DIRK MÜLLER (Piano) und MATTHIAS NITSCHE (Percussion). Das Buch mit Übertragungen von 41 Liedern des russischen Barden JURI SCHEWTSCHUK erscheint mit neun Federzeichnungen von HEIDRUN HEGEWALD in der bewährten Gestaltung von VOLKER OELJEKLAUS. Entstanden wäre das Buch nicht ohne die tatkräftige und sensible Hilfe zweier Menschen, die mit ihren Interlinearübersetzungen die Grundlage für die entstandenen Nachdichtungen schufen. Der Autor bedankt sich in herzlicher Verbundenheit bei OLGA ALBRECHT und SUSANNE PROBST.

 

VERFLIEGENDE ZEIT
Lieder-Verse von Frank Viehweg

Es gibt Lieder ohne Worte, doch Frank Viehwegs Markenzeichen ist, daß er musikalisch durchaus anspruchsvolle Lieder schreibt, die auch dann noch weiterklingen, wenn Melodie und Rhythmus der Instrumente verstummt sind. Er hat für den Untertitel seiner jüngsten Sammlung den treffenden Begriff „Lieder-Verse“ gefunden, und er führt weiter, was er seit langem mit Erfolg betreibt: Annäherung an Lied-Poeten aus aller Welt. Er dichtet deren Texte nicht „einfach“ nach (so etwas geht oft am Kern der poetischen Vorlage vorbei), sondern er macht sie zu eigenen Gedichten, ohne sie der Originalmusik zu entfremden. Seit 1985 gibt Viehweg eigene Konzertprogramme, inzwischen liegen etliche Bücher und CDs vor, aber Viehweg live ist immer noch ein Erlebnis. Nun hat er seine innere Beziehung zu dem in St. Petersburg lebenden Rockpoeten Juri Schewtschuk (Gründer der Gruppe „DDT“) genutzt, um Texte mit einem ganz individuellen, doch welthaltigen Grundton als beste deutschsprachige Poesie zum Hörer und Leser zu transportieren. Schewtschuk, gerade mal 50, hat noch Sowjetsound im Ohr und verbindet ihn mit den „neualten“ Klängen der Marktmechanismen. Verse, die oft unter die Haut gehen: „Muß ich ein Brief sein, um mich loszureißen/ Der falsche Schritt zertaute auf dem Weg/ Der Zeitenläufe, die den Grund zerschleißen“ („Verschwunden ohne Spur“). Oder: „Die Wolken flogen fort, sie flogen endlos weit/ Wie Mutters sanfte Hand, wie Vaters Narrenkleid“. Dem Schluß zu resümiert er das Wissen von den vielen neuen „trüben Theorien, im Rinnstein abgestellt“. Aber auch Liebeslust und -leid und immer wieder Ermutigung kommen dem Leser nahe: „Ein Fest zu feiern gibt die Kraft doch her/ Wir sind noch jung. Bis jetzt. Seid unverzagt“. Die wunderschönen Zeichnungen von Heidrun Hegewald sind kommentierender Gleichklang; aus der menschlichen Figur gewinnt die Künstlerin die gegensätzlichsten Bilder von dem, was wir in stillen Augenblicken den „Grund der Seele“ nennen. In der Zeit der trauten Weihnachtslieder – ein neues, ein besseres Lied, oh Freunde, das Frank Viehweg und Juri Schewtschuk uns dichten.

Klaus-Dieter Schönewerk
Neues Deutschland vom 24./25. November 2007

 

 


 

  GEGEN ALLE KRIEGE UND FÜR DICH
Neue CD des Liedermachers Frank Viehweg: "SPURENSICHERUNG"

Bei seinen Konzerten erzählt der Liederdichter Frank Viehweg gern die Geschichte, daß León Gieco mit seinem Lied vom Gedächtnis der Völker in Lateinamerika bis an die Spitze der Hitparaden stürmte. "Die Verschwundnen jeder Diktatur / Die Verscharrten, die man nie mehr findet / Unerhörter Reichtum, der sich nur / so auf unerhörter Armut gründet / Alles ist gespeichert im Gedächtnis / Stachel dieses Lebens und Vermächtnis"singt Gieco, dichtet der Berliner nach. "Karl und Rosa im Berliner EDEN /Alle Helden der Sowjetunion / Ein Ministerpräsident in Schweden / Mexikos Studentenrebellion / Alles ist verankert im Gedächtnis / Waffe dieses Lebens und Vermächtnis".

Es ist angetan offenbar, daß eine heranwachsende Generation sich darin ihrer eigenen Geschichte versichert. In Lateinamerika. Hier ist das Lied nicht zu hören, weder im Radio, noch im Fernsehen. So wenig, wie die Gundermänner, Maurenbrecher und Wenzel und was sonst noch als Kleinkunst in die Nische gepreßt und gepriesen bleibt. In Deutschland, das so schnell mit dabei ist, wenn es gilt, über andere Völker herzufallen, wenn es gilt, Mordszeug in Krisenregionen zu exportieren, wenn es gilt, die Opfer von NATO-Raketen vor den Schranken höchster Gerichte zu verhöhnen, sind die Spuren, nach denen Viehweg sucht, verwischt, übermalt, übertönt.

Aber unauffindbar sind sie nicht. Die Kunst besteht nur darin, dort mit der Suche anzufangen, wo alle Spuren beginnen und enden: bei sich selbst. Und es genügt nicht, sie zu lesen. Es ist nötig, sie aufzuheben, zu fragen, woher sie kommen und wohin sie führen. "Spurensicherung"hat Frank Viehweg sein jüngstes Album deshalb genannt, das bei Raumer Records mit Unterstützung von "Die neue Schule" erschien. Es versammelt 16 zumeist eigene Lieder und knüpft nahtlos an die CDs "Mein Grund"und "Liebeslieder nach 12" an. Auch diesmal stehen dem Sänger mit Jürgen Ehle, Daniel Lorenz, Dirk Müller und Matthias Nitsche erstklassige Musiker zur Seite.

Zu sehen, was Angst macht, um die Furcht zu verlieren, kommen solche Lieder auf die Welt. Immer wieder ist es der Mut in der Trauer, die ihnen Wege bahnt. Viehwegs Liebende sind in einer Welt unterwegs, die durchflossen wird von Utopien und Rebellionen, und selbst zwischen Rhein und Oder plätschert nicht nur herrschaftliche Agonie. Sie macht Viehweg immer noch und immer mehr Lust, diese Welt zwischen Buenos Aires, Berlin und Rom, wo ein ins Ohr geflüstertes "Mi querida!" selbst die "Jungs von Al-Qaida" zum Abrücken bewegen kann.

Inzwischen gehört Viehweg zur Generation der Mitvierziger, die immer am Scheideweg stehen, wo der Faden abreißen kann zu den Jüngeren mit den jüngeren Erfahrungen, wo der Weg ins Abgeklärte zu führen droht, Rückschau oft zur Draufsicht welkt. Auch Viehweg zählt seine Toten, die er mitschleppen muß, fragt sich einen Refrain lang mit Gerhard Gundermann: "Und ich weiß nicht, ob ich noch springen kann bis an eine Kehle". Aber sich durchs schüttere Grauhaar streichend, verspricht er der Liebsten: "Ich mach alles, was du willst, alles, was ich kann" und erbietet sich als "Weltschmerzdiagnostizierer, Küsseindiestirngravierer, Schambehaarungsshampoonierer, Märchenweltenkonzipierer", allemal bereit, beim Wort genommen zu werden. "Komm unter meine Decke aus Hirngespinst und Poesie", lockt er, wo die "Spinner"“ und "sanften Wolkenschieber" auszusterben drohen. "Noch kann ich dir mit einem Lied die Hoffnung wiedergeben". Dabei weiß er doch: "Nein, ich hab nicht mehr als ein paar Worte / Gegen alle Kriege und für dich / Und ob ich sie schreibe oder sage / Oder auf den Markt der Eitelkeiten trage / Ändert nicht die Welt und nicht mal mich."

Frank Viehweg, wenn der letzte Erdentag anbräche, würde wohl kein Apfelbäumchen pflanzen. Aber eine Frau zur Liebe verführen, zur Umarmung, in der zwei sich umfangen, als wären sie alle, das würde er sich nicht nehmen lassen. Auch dann nicht, wenn diese Liebe nur eine Zugfahrt währte, eine Nacht lang, ein Leben.

Henry-Martin Klemt:
GEGEN ALLE KRIEGE UND FÜR DICH
Neues Deutschland, 20. Dezember 2006

 

 

 

Buchdeckel-Abbildung von Frank Viehweg: Letzte Chance. Liebeslieder

Frank Viehweg 2005, Foto von Gabriele Senft

 

„LETZTE CHANCE“ von Frank Viehweg
im NORA Verlag erschienen

So lange zwei Menschen miteinander das leben können, wovon sie träumen und worauf sie für die Menschheit hoffen, ist niemand verloren. Zwei retten immer die Welt. Aber was, wenn sie scheitern, die alles an ihre Liebe banden, als an ein Zeichen, das zu hüten sie berufen waren?

"Letzte Chance" ist der vielleicht intimste Gedichtband von Frank Viehweg. Er macht diese Liebe und dieses Scheitern zum Thema. Die Lieder des Verlustes stehen nicht über den Dingen. Die Hilflosigkeit ist nicht beschrieben, sondern durchlitten. Zuweilen kranken die Lieder am Kranksein des Verlassenen, gerade in jenem Kapitel des Bandes, das "Verloren" heißt. Trauer und Wunsch und Klage trachten danach, eine Parallelität des Erlebens zu verlängern, die nicht mehr existiert. Das Verbindende zwischen Ich und Du zerrinnt zur Fiktion. Wie sonst alles hineinfloß in die erwiderte Liebe, ergießt es sich jetzt in den Schmerz. Einer rettet nicht einmal sich selbst.

Zugleich ist das bei NORA edierte Buch eine Wiederbegegnung mit den schönsten Liebesliedern des Berliners aus dem vergangenen Jahrzehnt. Liebe bedeutet dem Sänger, „mich dir in den Rätseln beigeselln“. Staunen können und lieben können haben immer miteinander zu tun. Durch die Augen des andern wird alles neu: die Rambla in Barcelona, Paris, wie es singt von der rebellischen Zeit der Kirschen. Den Wundern aufhelfen, die von sich selber nichts wissen, ist Dichters Art. Und immer vergewissert er sich seiner Geschwister, mögen sie Benedetti heißen oder Nohavica, Chagall oder Rodriguez. Selbst mit den Augen des anderen Liebhabers sieht er seine Geliebte, fürchtet, hofft, die Blicke gleichen sich.

Erotisch wird so nicht nur die Liebste von der Nasenspitze bis zur Scham. Erotisch werden die Dörfer Böhmens und der blaue Luftballon, der aufsteigt aus einer Demonstration, der weihnachtliche Obstsalat und die Sternschnuppenzeit am märkischen See. Liebende finden einander in allen Dingen. Sie können jeden Krieg aussperren aus ihrer Umarmung und jede Gewöhnung, ohne die Bedrohung zu vergessen. So bleibt Liebe der gewagte Sprung aus der Wirklichkeit in die gelebte Utopie.

Wie Piktogramme wirken die wenigen Illustrationen von Franz Viehweg, Sohn des Sängers, in dem Buch. Schwere Menschenwesen, die sich gerade erst zu erfinden beginnen. Davon singt der Vater, ein um das andere Mal. Und noch die letzte Chance ist nur der erste Anfang.

Henry-Martin Klemt:
„LIEDER VOM ERSTEN ANFANG“
Neues Deutschland vom 15. März 2006

 

 

 

Tour 2005: Frank

  WIR SEHEN NICHT WEG – TOUR 2005
Für Toleranz, Solidarität und Internationalität –

ein Programm aus Text, Liedern und Nachrichten -
mit Frank Viehweg, Jörg Kokott, Klaus Feldmann

In der Konzeption der Tour heißt es: „Wir möchten mit den Mitteln der Kunst demokratische Räume öffnen und zeigen, wie unsere Gesellschaft funktionieren kann. Wir stehen ein für ein weltoffenes und tolerantes Deutschland, für das friedliche Zusammenleben aller Menschen in diesem Lande, ungeachtet ihrer Weltanschauung, Religion, Kultur oder Hautfarbe. Wir verurteilen Hass, Gewalt, Rassismus und Ausländerfeindlich-keit.“

Das Projekt wird vom Veranstaltungsmanager Bernd Schulze vom evm-potsdam betreut. Den Auftakt der Tour bildeten neun Veranstaltungen in verschiedenen Städten Thüringens.

PRESSESTIMMEN:

Während Kokott und Viehweg viele Lieder aus ihrem eigenen Schaffen beisteuerten, stellte Feldmann Texte und Gedichte zusammen, die mit aktuellen Nachrichten zu rechter Gewalt, Kriegsgefahr und Kriegslüsternheit korrespondieren.
Während der neuntägigen Tournee durch Thüringen wurden die Künstler und ihr Veranstaltungsmana-ger bei einigen Veranstaltungen direkt mit der rechten Szene konfrontiert. Da bekommt Kästner schon ein besonderes Gewicht, wenn 20 Rechten im Saal die Worte zugerufen werden: „Ihr und die Dummheit zieht in Viererreihen in die Kasernen der Vergangenheit!“ Oder, wenn Frank Viehweg in einem seiner Lieder deutlich macht, daß er nicht noch einen Neonazi ertragen könnte.
Ein gut aufeinander abgestimmtes und zum Nachdenken anregendes Programm, urteilten die Zuschauer. Bedauerlich, daß die örtlichen Medien kaum Notiz von den Veranstaltungen nahmen. Wir können dieses Programm nur weiterempfehlen.
UNZ Online

Es war ein bewegender, ein moralisch aufrüttelnder wie intellektuell anregender Abend.
Nahtlos folgten den Nachrichten literarische Texte. Klaus Feldmann zitierte Eduardo Galeano. Der spricht von Generälen, die sich nicht von den Augen ihrer Opfer den Schlaf rauben lassen. Jörg Kokott und Frank Viehweg sangen einzeln, gemeinsam, begleiteten einander auf der Gitarre. Menschliche Haltung, offen gezeigte Gefühle, professionelles Musikantentum – das ging unter die Haut. Und das nicht nur im Lied „Holiday in Guantanamo Bay“ (Kokott), „wo der Geist der Freiheit wohnt“, und in Viehwegs „Ich will Antwort, nicht Schüsse“.
Thüringer Allgemeine

Klaus Feldmann las Gedichte, Prosa und Satiren, die inhaltlich wohl (leider) immer aktuell bleiben werden. Er zitierte aber auch aus zeitnahen Presseauszügen, so zum Beispiel über Geschehnisse in Pößneck und den „rechtsextremistischen Wahnsinn“. Nicht weniger deutlich waren die Lieder von Jörg Kokott und Frank Viehweg, dazu aber noch musikalisch ein Hochgenuß. Die beiden trugen eigene und fremde Werke vor, in einer beeindruckenden, virtuosen Qualität, ohne jedoch dabei abzuheben. Denn sie waren dem Publikum nah und erzählten Geschich-ten, die nahe gingen, schmunzeln ließen und nicht selten bittere Wendungen vollzogen. Doch auch Liebeslieder fanden Platz im Programm, das sich im Grunde um eine Sache drehte: Menschlichkeit.
Ostthüringer Zeitung


Buchung: 0172 3 85 32 81 - www.evm-potsdam.de

 

 

 

 

 

Tour 2005: Klaus Feldmann

Tour 2005: Jörg Kokott

 

 

 

 



  EINE ANDERE STIMME
Meine fremden Lieder

Mit zwei Konzerten im "Verlängerten Wohnzimmer" und im „Karl-Liebknecht-Haus“ in Berlin präsentierte Frank Viehweg im September 2004 sein neues Buch "Eine andere Stimme", eine Sammlung von Nachdichtungen aus zwanzig Jahren.
Der Band enthält 72 Texte, die der Liedermacher aus dem Spanischen, Englischen, Russischen, Tschechischen, Griechischen und Portugiesischen ins Deutsche übertragen hat. Zu den Autoren der Originallieder gehören u.a. Bruce Cockburn, Vicente Feliú, León Gieco, Oleg Mitjajew, Jaromír Nohavica, Fito Páez, Silvio Rodríguez und Daniel Viglietti.
Das Buch ist im NORA Verlag erschienen
(ISBN 3-936735-90-05).

NACHDICHTER SIND HOCHVERRÄTER

1
„Wann fingen die Dinge an, Preise zu haben / Vielleicht als dem Dummkopf der Spiegel zersprang“, heißt es in der Nachdichtung eines Liedes von Alejandro Filio. Der Weg des Liederdichters ist vorgezeichnet. Es geht zurück zu den Dingen, aber auch zu den Spiegeln und, nun ja, zu den Dummköpfen auch. Was kann er ausrichten gegen die? Was können die ausrichten gegen ihn? Er kann sich versagen. Sie können ihn verschweigen. Beides geschieht.

2
Wer Macht will, muß manipulieren. In den Medienkonzernen sitzen die Müllerstöchter und müssen Gold zu Stroh verspinnen. Denn jede Nadel, die ins Fleisch, die ins Gedächtnis stechen könnte, soll im Heuhaufen verschwinden. Jede Stimme aus dem Reich des Bösen darin ersticken. Jede Liebe muß in Mitleid zersäbelt, jede Solidarität in Barmherzigkeiten zerhackt werden. Niemand darf kennen, was er nachher morden soll. Der Zusammenhang muß unsichtbar bleiben zwischen dem Leben der einen und dem Sterben der anderen. Nachdichter sind Hochverräter.

3
Der Dummkopf benutzt den Spiegel nicht, um sich selbst zu erkennen, sondern um die Welt dahinter nicht sehen zu müssen. Dem Spiegel ist der Dummkopf egal. Aber der Weise auch. Was für eine Herausforderung! Putzen? Zerschlagen? Ignorieren? Oder verrücken? Und vielleicht selber: verrückt werden?

4
Die Liebe. Das Lied. 28 Zeugen der Anklage. 28 Zeugen der Verteidigung. Kein Richter. Schon gar kein Staatsanwalt. Die Plädoyers klingen immer ähnlich, bei Wyssozki und Cockburn, Nohavica und Seferis, Gieco und Rodríguez ... Was hat die Liebe damit zu tun, ob jemand Arbeit bekommt? Was verstört an der Vorfreude des Pärchens, das morgen Hochzeit halten will in Sarajevo?
Ist es nicht unpoetisch, daran zu erinnern, daß zweitausend Menschen sich speisen ließen - ein Jahr lang, ohne Erlöser - nur von den Rüstungskosten einer Minute? Daß das schon der Krieg ist, ahnen nur die Bekriegten. Die Sänger auch. Sie gehören dazu.

5
Frank Viehweg ist durch die Zeiten gestrauchelt. Schaute eben noch Shakespeare über die Schulter. Saß grad noch bei den Ungeborenen am Tisch. Jetzt wandert er über die Kontinente. Es ist der gleiche Weg, von dem er einmal schrieb: „Kann doch sein, daß wir ... noch werden, wer wir waren“. Was bleibt denn den babylonisch Verstreuten, als einander die Stimme zu leihen, die Zärtlichkeit, den Kummer, das was gerade am meisten fehlt, damit sich das Bild der Erde vollendet, damit der Turm seine Krone erhält. Menschenwerk. Selbst Götter leihen wir einander, die uns nicht aus der Unschuld verstoßen und uns aus der Schuld nicht entlassen. Die aber zuständig sind für Wunder vieler Art und dafür, daß wir sie sehen inmitten der Abscheulich-keiten. Wir leihen uns die Legende von einer Erde, die Lippen gebärt, wo ein Liebender starb. Oder den Mythos von weißen Vögeln, die ihr Wissen um unsre Geheimnisse ewig und ruhelos macht.

6
Viehwegs Liebende kämpfen. Seine Kämpfenden lieben. Das hat er mit all seinen Wahlverwandtschaften gemein. Vielleicht beginnt hier die Vergewisserung. Daß am Ende des Weges nichts anderes beginnt als ein Weg. Inmitten der seelischen Dürrekatastrophen, für die es keine Welthungerhilfe gibt. Oder doch? "Ich trag ... all deine Wunden im Lied", aber "hör lieber auf die Liebe, wie sie lacht".

7
Das Buch, wenn es fertig ist, riecht nach Druckerschwärze. Ich denke mir, es wird neben einer Gitarre liegen. Ich sehe zwei Hände beim Stimmen. Beim Blättern. Vielleicht auch vier. Ich kann es hören. In den Dingen ist schon das Lied.


Henry-Martin Klemt
Frankfurt (Oder), 2004

 

 

 


FRANK VIEHWEG: LIEDERMACHER, TEXTAUTOR, NACHDICHTER
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