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NEUES ZWISCHEN BERLIN UND OSTRAVA
Nach zwei erfolgreichen Konzerten mit Jarek Nohavica in Berlin
begibt sich Frank Viehweg Anfang November zu einer kleinen Tournee
in die Tschechische Republik. In der Besetzung des Drei-Länder-Eck-Konzertes
vom Februar mit Jarek Nohavica und dem Warschauer Barden Tolek Muracki
stehen drei Liederabende in Böhmen und Mähren auf dem
Programm.
Eindrücke von den Konzerten in Berlin gibt es auf der Seite
Jarek
Nohavica on the road 2009. Und wer des Tschechischen nicht ganz
so mächtig ist, kann hier sogleich den Text von Henry-Martin
Klemt im Original lesen.
LIEDER SIND SCHWALBEN SIE FLIEGEN DURCH EUROPA
Ein Mann wie ein Ofen. Nicht nur, dass er wärmt eine
tschechische Berghütte, ein polnisches Theater, ein deutsches
Kulturhaus. Als Jaromir Nohavica in einer alten Fabrikhalle seiner
Heimatstadt Ostrava spielte, waren die 5000 Karten nach dreißig
Minuten ausverkauft. Also gab er ein zweites Konzert... Nicht nur,
dass er eine Bühne füllt bis zum Rand, den das Scheinwerferlicht
schon nicht mehr erreicht, das den Mann eingefangen hat mit seiner
Gitarre, seiner Heligonka. Nohavica verbreitet eine Atmosphäre,
in der Menschen sich zu Hause fühlen, erkannt und aufgehoben.
Kein internationaler, kein tschechischer Musiker kann jahrelang
mithalten bei der Zahl seiner verkauften Tonträger. Aber er
ist kein Popstar. Er erhält, als erster Liedermacher überhaupt,
den höchsten Literaturpreis seines Landes. Aber er ist kein
Schriftsteller. Seine Lieder, einige hundert nun schon, werden gedruckt,
damit man sie nachlesen kann. Meistens werden sie mitgesungen. Manchmal
schließt der Sänger den Mund mitten im Lied, ohne dass
es verstummt.
Was hat den 1953 geborenen Bibliothekar zum Volkssänger gemacht?
Nach dem Konzert wechselt er nicht das Hemd, nur den Ort. Wenn in
der Kneipe Leute um ihn herum sind, die er mag, redet und lacht
er, schaut in die Runde, verschränkt die Hände im Nacken.
Vielleicht packt ja doch noch jemand eine Gitarre aus. Vielleicht
holt auch die Heligonka noch einmal Luft. Lieder sind Schwalben
sie fliegen durch Europa, meint Nohavica. Er singt
wie ein Mann, der nie allein ist, aber immer bei sich. Das ist ansteckend
wie ein Traum, vor allem, wenn es kein Traum bleibt. Er ist der
Sklave, der Steine zu Pyramiden schichtet und Schrauben in den Rumpf
der Düsenjäger dreht. Und würdet ihr mir zuhörn,
hätt ich was zu sagen. So bin ich nur ein alter Ochse vor dem
Pflug, heißt es in seinem Plebs-Blues. Beim Erscheinen
des Halleschen Kometen wandert er mit dem Himmelskörper über
die Erde hin, die nur einmal so sein kann, wie jetzt. Wenn
er zurückkehrt, wird keiner von uns mehr sein, aber jemand
wird singen. Er ist der von Gott Vergessene und der von einem menschlichen
Engel Beschützte. Er ist der Bräutigam, der seine Liebste
zur Hochzeit nach Sarajewo führt, und der Zornige, der den
Söldnern verspricht, die Rechnung ihrer Höllenfahrt zu
zahlen. Zärtliche Heiterkeit, fluchender Sarkasmus, und immer
wieder ein Rhythmus, der zum Tanz einlädt.
Lieder fliegen durch Europa, aber sie brauchen jemanden, der sie
empfängt, damit sie landen, ihr Nest baun, uns die kommenden
Wetter verraten und wie man, an einen Sims geklebt, überlebt
und Junge großzieht. Sie brauchen ein wenig Glück und
Dichter jenseits der gesendeten Kultur. In Polen war das für
Jaromir Nohavica der Liedermacher Antoni Muracki. In Deutschland
ist es Frank Viehweg, Liederdichter aus Berlin, der seit fast zehn
Jahren Nohavicas Lieder überträgt. Gemeinsam waren sie
Anfang des Jahres bei einem Konzert Dreiländereck
im Rahmen des Festivals Musik und Politik in der Berliner Wabe zu
erleben. Unter dem Titel Dokud se zpívá
Solange man singt hat Frank Viehweg in der Reihe NoRa Lyrik
einen Band mit Liederversen veröffentlicht, ergänzt mit
einem Album, das 20 unplugged gespielte Titel umfasst. Nohavicas
und Viehwegs Vorworte verraten etwas darüber, was Liedern Flügel
gibt, sie erzählen wie die Lieder selbst etwas
über leicht verschrammte Biografien. Einmal mehr
offenbart sich Viehweg als erfahrener, einfühlsamer Nachdichter,
der im Fremden das Eigene sucht und sich jener Texte annimmt, die
ihm nicht nur zugeflogen sind, sondern auch in seiner Welt daheim.
Buch und Album sind aber auch eine Hommage an den Freund, der solche
Lieder schreibt. Sie zollen der Hoffnung ihren Tribut und sie vertrauen
dem, was so beständig ist wie Schwalbenflug. Der Himmel
ist an jedem Ort.
Henry-Martin Klemt
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SOLANGE MAN SINGT LIEDER-VERSE NACH JAROMÍR NOHAVICA
Buch und CD (Nora-Verlag/Raumer Records)
Ein weiteres mal stellt Frank Viehweg seine Arbeit in den Dienst
einer (scheinbar) fremden Poesie und präsentiert Lieder des
bedeutendsten tschechischen Liedermachers Jaromír Nohavica.
Das Buch enthält 42 Lieder in deutscher Übertragung, 20
davon hat Frank Viehweg ausgewählt und für eine beiliegende
CD live im Cantaré-Studio aufgenommen.
Im Oktober präsentiert er im Zimmer 16 das neue
Werk mit einem Konzert.
Aus diesem Anlaß kommt Jaromír Nohavica nach Berlin
und wird auch in einem eigenen Konzert
zu erleben sein.
ZWISCHEN BERLIN UND OSTRAVA
1
Die Geschichte beginnt im Jahre 2000 in Cesky Krumlov, einer bezaubernden
Mittelalterstadt in Südböhmen. Zwei Wochen lang schaut
mich in allen Straßen ein Gesicht von einem Plakat an. Es
will mir die neue CD von Jaromír Nohavica offerieren, den
ich nicht kenne. Am letzten Tag meines Aufenthaltes gehe ich in
einen Plattenladen und frage, wer dieser Kerl ist, der mich seit
vierzehn Tagen verfolgt. Die Verkäuferin legt die CD Moje
smutné srdce in den Spieler, und schon die ersten Töne
nehmen mich gefangen. Acht Jahre später wird mir Jarek sagen,
daß diese Scheibe völlig untypisch für ihn ist.
2
Seit vielen Jahren bin ich neben der eigenen Produktion damit beschäftigt,
Lieder aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übertragen und
zu singen. Es sind Lieder, von denen ich sage, ich hätte sie
selber gerne geschrieben, aber ich kam zu spät. Immer wieder
fasziniert es mich, daß Menschen, die mitunter scheinbar weit
entfernt von mir und unter völlig anderen Umständen als
ich leben, Lieder schreiben, die meine Intentionen sehr genau treffen.
Im Jahre 2004 gebe ich ein Buch mit dem Titel Eine andere
Stimme Meine fremden Lieder heraus. Es beinhaltet Nachdichtungen
aus zwanzig Jahren, darunter die ersten Übertragungen von Liedern
Jarek Nohavicas.
3
In der Zwischenzeit versorge ich mich während eines Prag-Aufenthaltes
mit weiteren CDs des tschechischen Barden und schreibe das Lied
Tribut auf eine Melodie von Jarek Nohavica. Es erscheint
2003 auf der CD Mein Grund. Da ich der tschechischen
Sprache nicht mächtig bin, bediene ich mich eines, seit der
babylonischen Sprachverwirrung, üblichen Verfahrens. Die Grundlage
für meine deutschen Versionen bilden Interlinearübersetzungen,
angefertigt von Menschen, die meinen poetischen Fähigkeiten,
hoffentlich zu recht, vertrauen. Ich verneige mich in Dankbarkeit
vor Leszek Berger, Magdalena Krause und Jan Vlasák.
4
Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Im März 2008 bin ich gemeinsam
mit dem polnischen Barden Antoni Muracki eingeladen, in Zielona
Gora an einem Konzert von Jarek Nohavica teilzunehmen. Wir singen
im Lubuski Teatr vor etwa 400 begeisterten Gästen einige von
Jareks Liedern in jeweils polnischer und deutscher Übertragung.
Den Abschluß des rund zweistündigen Konzertes bildet
das Lied Dokud se zpívá (Solange man singt),
das wir gemeinsam mit Jarek in tschechisch, polnisch und deutsch
singen. Ein Tscheche, ein Pole und ein Deutscher stehen gemeinsam
auf der Bühne, und es ist mehr als eine Geste.
5
Zurückgekehrt nach Berlin, setze ich mich an den Schreibtisch,
die Gitarre griffbereit, und verschwinde für ein halbes Jahr
in der Liederwelt des Jarek Nohavica. Am Ziel dieser Reise stehe
ich mit rund vierzig Nachdichtungen und so langsam wird es Zeit
für eine Neuauflage der Begegnung im Polnischen. Im Februar
2009 präsentiert das Festival Musik und Politik
in der Berliner WABE das Drei-Länder-Eck-Konzert. Vor einem
deutsch-tschechisch-polnischen Publikum stehe ich erneut mit Jarek
und Tolek auf der Bühne. Nach einem wunderbaren Konzert verabrede
ich mich mit Jarek Nohavica zur Premiere des nun vorliegenden Buches,
und die Geschichte ist nicht beendet.
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INTERVIEW www.deutsche-mugge.de
VON ANDREAS HÄHLE
Das Premierenkonzert zur aktuellen CD Fremdes Land
Anfang April in Berlin als Anlaß nehmend, trafen sich Frank
Viehweg und Andreas Hähle am 18. April 2009 zu einem Interview
über die Arbeit des Liederdichters, die neue Scheibe und zukünftige
Projekte.
DIE BESONDERE: FRANK VIEHWEG FREMDES LAND
nach Gedichten von Henry-Martin Klemt
(Raumer Records RR 17508, www.raumer-records.de)
Eigentlich ist diese Produktion der Extraklasse ein vertonter Lyrikband.
Die Gedichte aus der Feder von Henry-Martin Klemt, von denen der
Berliner Liedermacher Viehweg sagt, sie seien Texte, von denen
ich träumte, ich hätte sie selber schreiben wollen,
zeichnen sich durch eine literarische Qualität aus, wie sie
so außerordentlich bei vergleichbaren Liedermacher/Chanson-Veröffentlichungen
nur selten ist. Inhaltliche Tiefe, bedenkenswerte Gedankengänge
und aussagekräftige Metaphern (Behutsam teilen wir uns
am Ufer die Worte ein für die Nacht), gepaart mit handwerklichem
Können alles andere, als eine Selbstverständlichkeit
im Dschungel heutiger, liedtechnischer Geschwätzigkeit. Stellenweise
weise. Kommt dann noch ein Musikant wie Frank Viehweg hinzu, der
mit sicherem Gespür für jeden Text die angemessene Melodie
findet, dann muss etwas Besonderes dabei herauskommen. Eine zusätzliche
Bereicherung erfährt das Gesamtwerk durch die Rezitationskunst
der Schauspielerin und Sängerin Gina Pietsch. Die Brecht-Interpretin
spricht zwischen den Liedern sieben Gedichte von Henry-Martin Klemt
auf derart gekonnte Weise, dass dem Hörer schon mal der eine
oder andere wohlige Schauer über den Rücken laufen kann.
Neben Frank Viehwegs klarem Gesang (und Gitarrenspiel), Dirk Müller
(Kl, Akkordeon) und Matthias Nitsche (Perk, Ges, Charango) ist das
ehemalige Pankow-Mitglied Jürgen Ehle an Gitarre, Bass und
Mundharmonika zu hören. Das Booklet enthält zwar sämtliche
gesungenen Liedtexte, nicht jedoch die gesprochenen Gedichte. Vergeblich
sucht der interessierte Hörer auch nach ein paar Informationen
zu Henry-Martin Klemt, Frank Viehweg und den übrigen Mitwirkenden.
Doch gibt es ja das Internet, über das man beispielsweise erfahren
kann, dass Viehweg und sein Freund Klemt im selben Jahr geboren
wurden, 1960, und dass Letzterer am Literaturinstitut Johannes R.
Becher in Leipzig studierte, dem DDR-Schriftstellerverband nachtrauert,
seinen Westkollegen misstraut und in Frankfurt/Oder lebt.
Kai Engelke Folker! 03/09
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FREMDES LAND DAS NEUE ALBUM VON FRANK VIEHWEG
nach Gedichten von Henry-Martin Klemt (Raumer Records 17508)
Mit seiner neuen CD hat sich Frank Viehweg einen lang gehegten
Wunsch erfüllt. Nach über einem viertel Jahrhundert der
Freundschaft mit dem Dichter Henry-Martin Klemt, legt er ein Album
mit Liedern des Frankfurters vor. Siebzehn Texten des Dichters
habe ich nachgelauscht, sagt der Berliner Liedermacher, Texte,
von denen ich träumte, ich hätte sie selber schreiben
wollen.
Bei der Produktion der CD standen Frank Viehweg in bewährter
Weise die Musiker Jürgen Ehle, Dirk Müller und Matthias
Nitsche zur Seite. Komplettiert wird die Scheibe durch sieben Gedichte,
gesprochen von der Schauspielerin und Brecht-Interpretin Gina Pietsch.
Für die Lieder selbst trifft vielleicht Viehwegs Wortfindung
der politischen Liebeslieder am ehesten zu. Damit aber
soll dem Hören nicht vorgegriffen werden.
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FRANK VIEHWEG & HENRY-MARTIN KLEMT
JAHRGANG 1960 ZWEI DICHTER IM KONZERT
EIN BISSCHEN TRAURIG UND AUCH EIN BISSCHEN FROH...
Wir haben für unseren Abend bewußt einen Termin
zwischen den Feiertagen gewählt, eröffnet der Berliner
Liedermacher Frank Viehweg augenzwinkernd, - entscheiden dürfen
sie natürlich selbst .... Es ist Samstag, der 4. Oktober
und in einer großen Halle in Berlin singt Leonard Cohen vor
ausverkauftem Haus. Dennoch bleibt auch in dem kleinen Theater Zimmer
16 in Pankow, Florastraße 16, kein Platz frei.
Viehweg hat hier einen großen Teil seiner Werke auf den Weg
in die Welt gebracht und das sind mittlerweile immerhin 8 Bücher
und 5 CDs. Zuletzt erschienen die CD Spurensicherung
2006 und 2007 das Buch Verschwunden ohne Spur. Das Lieder-Verse-Buch
mit Texten nach Juri Schewtschuk, dem Leadsänger und Poeten
der aktuell berühmtesten Rockgruppe Russlands DDT,
ist ein bitterer und heilender Trank, gemischt aus Viehwegs unverkennbarer
Handschrift als Nachdichter und Schewtschuks schierlinghaltigen
Metaphern.
Auch wenn an diesem Abend keine Premiere angesagt ist, geht es
doch um Neues. Der Dichter Henry-Martin Klemt aus Frankfurt (Oder)
hat in diesem Frühjahr ein Buch unter dem Titel Was ich
will veröffentlicht. dass im rücken sich die
wand / öffnet vor dem jüngsten tag / und ich wende mich
ins land / das ich hintern rippen trag / heißes wachs tropft
auf die hand / und du stehst in licht gehüllt / das ist, was
ich will / das ist was ich will liest er eindrucksvoll aus
seinem sechsten Gedichtband das Bekenntnis, das dem Buch den Titel
gab. Und so präsentieren sich an diesem Abend zwei Künstler
und Freunde, die mehr verbindet als das gemeinsame Geburtsjahr.
Sie kennen sich seit mehr als 25 Jahren und wissen, dass der jeweils
andere auf Anhieb die gleichen Sterne am Himmel der Poesie findet,
wenn von deren Koordinaten die Rede geht...
In diesen Kosmos nehmen sie das Publikum nach der Pause mit. Klemt
liest seine Nachdichtungen von Wladimir Wyssozki, Bruce Springsteen,
Joan Baez. Viehweg singt Lieder von Juri Schewtschuk, Silvio Rodriguez,
Jarek Nohavica. Ihre Welt ist größer als die narzistische
Nabelschau im deutschen Literaturzirkus der Gegenwart, das beweisen
sie ohne angestrengte Gesten. Vielleicht ist es unser größter
Vorteil, daß wir die Verhältnisse mit der Erfahrung eines
anderen Landes und eines anderen Lebens sehen. Wir wissen: Wenn
deutsche Politiker die Einheit beschwören, dann meinen sie
Gleichschritt. Klemt und Viehweg kennen die Synkopen ihrer Herzen
und den Wechselschritt der Olsenbande. Und so singen und lesen sich
die beiden Poeten in die Herzen der Zuschauer, bis diese sie, erst
nach drei Zugaben, von der Bühne gehen lassen.
Zuvor allerdings geben die Sternenflieger noch einen Ausblick auf
das nächste Frühjahr. Am 04.April 2009 wird es im Herzen
Pankows, im Zimmer 16 in der Florastraße auch
wieder eine Premiere geben. Ein gemeinsames Projekt ist auf dem
Weg. Eine CD mit Liedern von Klemt, vertont und gesungen von Viehweg.
Als wir weit nach Mitternacht hinaus unter den Sternenhimmel treten,
begleitet mich der Refrain eines Liedes von Jarek Nohavica. Ein
bisschen traurig und auch ein bisschen froh. Ach ja, das Leben.
Ich entscheide für mich: Zum Teufel mit den verordneten Feiertagen,
so lange man solche Abende feiern kann...
Maik Altenburg
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NEUES ZWISCHEN BERLIN UND OSTRAVA
Seit einigen Jahren ist Frank Viehweg damit befaßt, Texte
des heute bedeutendsten tschechischen Liedermachers JAROMÍR
NOHAVICA nachzudichten.
Am 15. März 2008 war er gemeinsam mit dem polnischen Barden
ANTONI MURACKI eingeladen, in Zielona Gora am Konzert von JAREK
NOHAVICA teilzunehmen. Und so sangen TOLEK und FRANK im Lubuski
Teatr vor etwa 400 begeisterten Gästen einige von JAREKS Liedern
in jeweils polnischer und deutscher Übertragung. Den Abschluß
des rund zweistündigen Konzertes bildete das Lied Dokud
se zpívá (Solange man singt), das JAREK, TOLEK
und FRANK gemeinsam in tschechisch, polnisch und deutsch sangen.
Ein Tscheche, ein Pole und ein Deutscher standen gemeinsam auf der
Bühne, und es war mehr als eine Geste.
Fotos vom Konzert und um das Konzert herum gibt es auf dieser Website
und auf dem MySpace-Profil von FRANK VIEHWEG zu sehen (www.myspace.com/frankviehweg).
Darüber hinaus existiert ein kleines Profil in tschechischer
und deutscher Sprache auf der Website von JAROMÍR NOHAVICA
(http://www.nohavica.cz):
FRANK VIEHWEG prekládá JARKA NOHAVICU. Neben FRANK
VIEHWEGS Nachdichtungen finden sich dort auch einige Live-Mitschnitte.
Für einen kleinen Vorgeschmack folgt hier der Text des erwähnten
Schlußliedes aus dem Konzert in Zielona Gora:
SOLANGE MAN SINGT
nach Jaromír Nohavica
Halbstündlich fahren die Züge zur Lebenslaufschicht
Gestern hab ich nicht geschlafen und heut schlaf ich nicht
Heilger Medard, mein Patron, gibt mir zärtlich die Sporn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn
In einer Markthalle kauf ich mirn Hefeteigzopf
Hab für die Liebe das Herz, für die Lieder den Kopf
Seit meiner Schulzeit weiß ich aus den Lebenskontorn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn
Fahrscheine kleb ich ins Album nach Fahrziel und Zeit
Und hier am Anfang des Wegs scheint das Ende noch weit
Wien Leporello wird stetig das Leben geborn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn
Hundertmal hab ich gespielt und bezahlt jedesmal
Und auf der Achterbahn dreht es dich ganz kolossal
Habn sich die Aasgeier längst auch auf mich eingeschworn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn
Halbstündlich fahren die Züge ans Ende der Welt
Ich hab am Telefon all meine Freunde bestellt
Aus weiter Ferne klang mir dieser Satz in den Ohrn
Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn
Frank Viehweg © 2005
TEATR LUBUSKI, ZIELONA GÓRA, 15-03-2008, GODZ. 19:00
So, wie nach der finstersten Nacht ein Morgen kommt und die Sonne
aufgeht, und ein geworfener Stein immer wieder auf die Erde fällt,
mobilisiert jeder Besuch und Auftritt von JAREK NOHAVICA seine alten
und immer neuen Fans, die Konzertsäle zu füllen. Nicht
anders war es auch diesmal, am Samstag, dem 15. März im Teatr
Lubuski in Zielona Gora. JAREK hatte für diesen Abend
eine besondere Überraschung vorbereitet, zwei durch ihn selbst
eingeladene Gäste: Als ersten bat er TOLEK MURACKI auf die
Bühne, einen der wichtigsten Vermittler JAREKS Kunst in Polen,
der seine Lieder nachdichtet und singt. Zwei davon waren an diesem
Abend zu hören.
Als zweiter erschien auf der Bühne und das war für
viele die größte Überraschung des Abends, insbesondere
aus unserem slawischen Gesichtspunkt der deutsche Liedermacher
und Sänger Frank Viehweg, der unter anderem die Lieder von
JAREK NOHAVICA ins Deutsche überträgt. Drei davon hatte
er für diesen besonderen Abend vorbereitet. So trafen sich
in der polnischen Stadt Zielona Gora, dem zentralen Punkt Europas,
zum ersten Mal ein Tscheche und ein Deutscher. Und ganz wie die
Braut aus der Tesinska, sprachen wir polnisch, tschechisch,
deutsch und darüber hinaus auch englisch. Zum allerbesten Dolmetscher
aber wurden die Lieder selbst, deren Melodien und Worte und die
daraus fließenden Emotionen.
So wurden die Werke JAREK NOHAVICAS augenblicklich grenzüberschreitend,
und verbanden wie ein Magnet mit ihrer Energie Sprachen,
Menschen und Völker. Besonders deutlich wurde dies in einem
Lied kurz vor Ende des Konzertes, gemeinsam gesungen von allen drei
Künstlern in drei Sprachen, unplugged begleitet
durch JAREKS Heligonka, ein bisschen wie in der Atmosphäre
einer Kneipe. Es war das wunderschöne Lied von JAREK NOHAVICA,
das uns sagt:: Dokud se zpívá, jete se
neumrelo / Dokad sie spiewa, wciaz sie zyje i trwa / Solange man
singt, ist doch noch nicht alles verlorn.
Artur Lewandowski
(aus dem Polnischen von Leszek Berger)
http://www.nohavica.cz/_pl/jn/video/video_archiv.htm
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VERSCHWUNDEN
OHNE SPUR
Lieder-Verse nach Juri Schewtschuk
Das neue Buch von Frank Viehweg im NORA Verlag
Nachdem Frank Viehweg in den vergangenen Jahren mit Nachdichtungen
von Liedpoeten aus zahlreichen Ländern - Shakespeare inklusive
- brillierte, hat er sich nun Jurij Schewtschuk zugewandt. Das Schneeballsystem
funktioniert. Wer mit zwanzig Jahren Okudshawa entdeckte und mit
einundzwanzig Wyssozki, der kommt an der heute berühmtesten
Rockband Russlands nicht vorbei. Schewtschuk ist Gründer, Leadsänger,
Komponist und Texter von DDT.
Den eigenen Tod eher in Kauf nehmen als den fremden, wenn die Waffen
brüllen, ist ein Gedanke, der sich durch Schewtschuks Werke
zieht. Die eigene Liebe wird nicht dadurch glaubhafter, daß
man für sie stirbt, sondern dadurch, daß man für
sie lebt. Vielleicht kann einer sich so dem Vergessen entreißen,
der Spurlosigkeit. Die Niederlage ist vorläufig. Die Provokation,
die in ihr liegt, ist von Dauer.
Frank Viehweg lauscht ihr nach und haucht den Texten seines Wahlverwandten
den Ton ein, mit dem er sich kenntlich macht im Eigenen wie im Fremden.
Zugleich trägt er die poetische Welt Schewtschuks weiter, seine
grimmige Ironie, sein lakonisches Unbehaustsein.
Henry-Martin Klemt
Am 27. Oktober 2007 wird Frank Viehweg im ZIMMER 16 in Berlin-Pankow
das Buch mit einem Konzert präsentieren, gemeinsam mit den
Musikern DIRK MÜLLER (Piano) und MATTHIAS NITSCHE (Percussion).
Das Buch mit Übertragungen von 41 Liedern des russischen Barden
JURI SCHEWTSCHUK erscheint mit neun Federzeichnungen von HEIDRUN
HEGEWALD in der bewährten Gestaltung von VOLKER OELJEKLAUS.
Entstanden wäre das Buch nicht ohne die tatkräftige und
sensible Hilfe zweier Menschen, die mit ihren Interlinearübersetzungen
die Grundlage für die entstandenen Nachdichtungen schufen.
Der Autor bedankt sich in herzlicher Verbundenheit bei OLGA ALBRECHT
und SUSANNE PROBST.
VERFLIEGENDE ZEIT
Lieder-Verse von Frank Viehweg
Es gibt Lieder ohne Worte, doch Frank Viehwegs Markenzeichen ist,
daß er musikalisch durchaus anspruchsvolle Lieder schreibt,
die auch dann noch weiterklingen, wenn Melodie und Rhythmus der
Instrumente verstummt sind. Er hat für den Untertitel seiner
jüngsten Sammlung den treffenden Begriff Lieder-Verse
gefunden, und er führt weiter, was er seit langem mit Erfolg
betreibt: Annäherung an Lied-Poeten aus aller Welt. Er dichtet
deren Texte nicht einfach nach (so etwas geht oft am
Kern der poetischen Vorlage vorbei), sondern er macht sie zu eigenen
Gedichten, ohne sie der Originalmusik zu entfremden. Seit 1985 gibt
Viehweg eigene Konzertprogramme, inzwischen liegen etliche Bücher
und CDs vor, aber Viehweg live ist immer noch ein Erlebnis. Nun
hat er seine innere Beziehung zu dem in St. Petersburg lebenden
Rockpoeten Juri Schewtschuk (Gründer der Gruppe DDT)
genutzt, um Texte mit einem ganz individuellen, doch welthaltigen
Grundton als beste deutschsprachige Poesie zum Hörer und Leser
zu transportieren. Schewtschuk, gerade mal 50, hat noch Sowjetsound
im Ohr und verbindet ihn mit den neualten Klängen
der Marktmechanismen. Verse, die oft unter die Haut gehen: Muß
ich ein Brief sein, um mich loszureißen/ Der falsche Schritt
zertaute auf dem Weg/ Der Zeitenläufe, die den Grund zerschleißen
(Verschwunden ohne Spur). Oder: Die Wolken flogen
fort, sie flogen endlos weit/ Wie Mutters sanfte Hand, wie Vaters
Narrenkleid. Dem Schluß zu resümiert er das Wissen
von den vielen neuen trüben Theorien, im Rinnstein abgestellt.
Aber auch Liebeslust und -leid und immer wieder Ermutigung kommen
dem Leser nahe: Ein Fest zu feiern gibt die Kraft doch her/
Wir sind noch jung. Bis jetzt. Seid unverzagt. Die wunderschönen
Zeichnungen von Heidrun Hegewald sind kommentierender Gleichklang;
aus der menschlichen Figur gewinnt die Künstlerin die gegensätzlichsten
Bilder von dem, was wir in stillen Augenblicken den Grund
der Seele nennen. In der Zeit der trauten Weihnachtslieder
ein neues, ein besseres Lied, oh Freunde, das Frank Viehweg
und Juri Schewtschuk uns dichten.
Klaus-Dieter Schönewerk
Neues Deutschland vom 24./25. November 2007
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GEGEN
ALLE KRIEGE UND FÜR DICH
Neue CD des Liedermachers Frank Viehweg: "SPURENSICHERUNG"
Bei seinen Konzerten erzählt der Liederdichter Frank Viehweg
gern die Geschichte, daß León Gieco mit seinem Lied
vom Gedächtnis der Völker in Lateinamerika bis an die
Spitze der Hitparaden stürmte. "Die Verschwundnen jeder
Diktatur / Die Verscharrten, die man nie mehr findet / Unerhörter
Reichtum, der sich nur / so auf unerhörter Armut gründet
/ Alles ist gespeichert im Gedächtnis / Stachel dieses Lebens
und Vermächtnis"singt Gieco, dichtet der Berliner nach.
"Karl und Rosa im Berliner EDEN /Alle Helden der Sowjetunion
/ Ein Ministerpräsident in Schweden / Mexikos Studentenrebellion
/ Alles ist verankert im Gedächtnis / Waffe dieses Lebens und
Vermächtnis".
Es ist angetan offenbar, daß eine heranwachsende Generation
sich darin ihrer eigenen Geschichte versichert. In Lateinamerika.
Hier ist das Lied nicht zu hören, weder im Radio, noch im Fernsehen.
So wenig, wie die Gundermänner, Maurenbrecher und Wenzel und
was sonst noch als Kleinkunst in die Nische gepreßt und gepriesen
bleibt. In Deutschland, das so schnell mit dabei ist, wenn es gilt,
über andere Völker herzufallen, wenn es gilt, Mordszeug
in Krisenregionen zu exportieren, wenn es gilt, die Opfer von NATO-Raketen
vor den Schranken höchster Gerichte zu verhöhnen, sind
die Spuren, nach denen Viehweg sucht, verwischt, übermalt,
übertönt.
Aber unauffindbar sind sie nicht. Die Kunst besteht nur darin,
dort mit der Suche anzufangen, wo alle Spuren beginnen und enden:
bei sich selbst. Und es genügt nicht, sie zu lesen. Es ist
nötig, sie aufzuheben, zu fragen, woher sie kommen und wohin
sie führen. "Spurensicherung"hat Frank Viehweg sein
jüngstes Album deshalb genannt, das bei Raumer Records mit
Unterstützung von "Die neue Schule" erschien. Es
versammelt 16 zumeist eigene Lieder und knüpft nahtlos an die
CDs "Mein Grund"und "Liebeslieder nach 12" an.
Auch diesmal stehen dem Sänger mit Jürgen Ehle, Daniel
Lorenz, Dirk Müller und Matthias Nitsche erstklassige Musiker
zur Seite.
Zu sehen, was Angst macht, um die Furcht zu verlieren, kommen solche
Lieder auf die Welt. Immer wieder ist es der Mut in der Trauer,
die ihnen Wege bahnt. Viehwegs Liebende sind in einer Welt unterwegs,
die durchflossen wird von Utopien und Rebellionen, und selbst zwischen
Rhein und Oder plätschert nicht nur herrschaftliche Agonie.
Sie macht Viehweg immer noch und immer mehr Lust, diese Welt zwischen
Buenos Aires, Berlin und Rom, wo ein ins Ohr geflüstertes "Mi
querida!" selbst die "Jungs von Al-Qaida" zum Abrücken
bewegen kann.
Inzwischen gehört Viehweg zur Generation der Mitvierziger,
die immer am Scheideweg stehen, wo der Faden abreißen kann
zu den Jüngeren mit den jüngeren Erfahrungen, wo der Weg
ins Abgeklärte zu führen droht, Rückschau oft zur
Draufsicht welkt. Auch Viehweg zählt seine Toten, die er mitschleppen
muß, fragt sich einen Refrain lang mit Gerhard Gundermann:
"Und ich weiß nicht, ob ich noch springen kann bis an
eine Kehle". Aber sich durchs schüttere Grauhaar streichend,
verspricht er der Liebsten: "Ich mach alles, was du willst,
alles, was ich kann" und erbietet sich als "Weltschmerzdiagnostizierer,
Küsseindiestirngravierer, Schambehaarungsshampoonierer, Märchenweltenkonzipierer",
allemal bereit, beim Wort genommen zu werden. "Komm unter meine
Decke aus Hirngespinst und Poesie", lockt er, wo die "Spinner"
und "sanften Wolkenschieber" auszusterben drohen. "Noch
kann ich dir mit einem Lied die Hoffnung wiedergeben". Dabei
weiß er doch: "Nein, ich hab nicht mehr als ein paar
Worte / Gegen alle Kriege und für dich / Und ob ich sie schreibe
oder sage / Oder auf den Markt der Eitelkeiten trage / Ändert
nicht die Welt und nicht mal mich."
Frank Viehweg, wenn der letzte Erdentag anbräche, würde
wohl kein Apfelbäumchen pflanzen. Aber eine Frau zur Liebe
verführen, zur Umarmung, in der zwei sich umfangen, als wären
sie alle, das würde er sich nicht nehmen lassen. Auch dann
nicht, wenn diese Liebe nur eine Zugfahrt währte, eine Nacht
lang, ein Leben.
Henry-Martin Klemt:
GEGEN ALLE KRIEGE UND FÜR DICH
Neues Deutschland, 20. Dezember 2006
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LETZTE CHANCE von Frank Viehweg
im NORA Verlag erschienen
So lange zwei Menschen miteinander das leben können, wovon
sie träumen und worauf sie für die Menschheit hoffen,
ist niemand verloren. Zwei retten immer die Welt. Aber was, wenn
sie scheitern, die alles an ihre Liebe banden, als an ein Zeichen,
das zu hüten sie berufen waren?
"Letzte Chance" ist der vielleicht intimste Gedichtband
von Frank Viehweg. Er macht diese Liebe und dieses Scheitern zum
Thema. Die Lieder des Verlustes stehen nicht über den Dingen.
Die Hilflosigkeit ist nicht beschrieben, sondern durchlitten. Zuweilen
kranken die Lieder am Kranksein des Verlassenen, gerade in jenem
Kapitel des Bandes, das "Verloren" heißt. Trauer
und Wunsch und Klage trachten danach, eine Parallelität des
Erlebens zu verlängern, die nicht mehr existiert. Das Verbindende
zwischen Ich und Du zerrinnt zur Fiktion. Wie sonst alles hineinfloß
in die erwiderte Liebe, ergießt es sich jetzt in den Schmerz.
Einer rettet nicht einmal sich selbst.
Zugleich ist das bei NORA edierte Buch eine Wiederbegegnung mit
den schönsten Liebesliedern des Berliners aus dem vergangenen
Jahrzehnt. Liebe bedeutet dem Sänger, mich dir in den
Rätseln beigeselln. Staunen können und lieben können
haben immer miteinander zu tun. Durch die Augen des andern wird
alles neu: die Rambla in Barcelona, Paris, wie es singt von der
rebellischen Zeit der Kirschen. Den Wundern aufhelfen, die von sich
selber nichts wissen, ist Dichters Art. Und immer vergewissert er
sich seiner Geschwister, mögen sie Benedetti heißen oder
Nohavica, Chagall oder Rodriguez. Selbst mit den Augen des anderen
Liebhabers sieht er seine Geliebte, fürchtet, hofft, die Blicke
gleichen sich.
Erotisch wird so nicht nur die Liebste von der Nasenspitze bis
zur Scham. Erotisch werden die Dörfer Böhmens und der
blaue Luftballon, der aufsteigt aus einer Demonstration, der weihnachtliche
Obstsalat und die Sternschnuppenzeit am märkischen See. Liebende
finden einander in allen Dingen. Sie können jeden Krieg aussperren
aus ihrer Umarmung und jede Gewöhnung, ohne die Bedrohung zu
vergessen. So bleibt Liebe der gewagte Sprung aus der Wirklichkeit
in die gelebte Utopie.
Wie Piktogramme wirken die wenigen Illustrationen von Franz Viehweg,
Sohn des Sängers, in dem Buch. Schwere Menschenwesen, die sich
gerade erst zu erfinden beginnen. Davon singt der Vater, ein um
das andere Mal. Und noch die letzte Chance ist nur der erste Anfang.
Henry-Martin Klemt:
LIEDER VOM ERSTEN ANFANG
Neues Deutschland vom 15. März 2006
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WIR SEHEN NICHT WEG TOUR 2005
Für Toleranz, Solidarität und Internationalität
ein Programm aus Text, Liedern und Nachrichten -
mit Frank Viehweg, Jörg Kokott, Klaus Feldmann
In der Konzeption der Tour heißt es: Wir möchten
mit den Mitteln der Kunst demokratische Räume öffnen und
zeigen, wie unsere Gesellschaft funktionieren kann. Wir stehen ein
für ein weltoffenes und tolerantes Deutschland, für das
friedliche Zusammenleben aller Menschen in diesem Lande, ungeachtet
ihrer Weltanschauung, Religion, Kultur oder Hautfarbe. Wir verurteilen
Hass, Gewalt, Rassismus und Ausländerfeindlich-keit.
Das Projekt wird vom Veranstaltungsmanager Bernd Schulze vom evm-potsdam
betreut. Den Auftakt der Tour bildeten neun Veranstaltungen in verschiedenen
Städten Thüringens.
PRESSESTIMMEN:
Während Kokott und Viehweg viele Lieder aus ihrem eigenen Schaffen
beisteuerten, stellte Feldmann Texte und Gedichte zusammen, die mit
aktuellen Nachrichten zu rechter Gewalt, Kriegsgefahr und Kriegslüsternheit
korrespondieren.
Während der neuntägigen Tournee durch Thüringen wurden
die Künstler und ihr Veranstaltungsmana-ger bei einigen Veranstaltungen
direkt mit der rechten Szene konfrontiert. Da bekommt Kästner
schon ein besonderes Gewicht, wenn 20 Rechten im Saal die Worte zugerufen
werden: Ihr und die Dummheit zieht in Viererreihen in die Kasernen
der Vergangenheit! Oder, wenn Frank Viehweg in einem seiner
Lieder deutlich macht, daß er nicht noch einen Neonazi ertragen
könnte.
Ein gut aufeinander abgestimmtes und zum Nachdenken anregendes Programm,
urteilten die Zuschauer. Bedauerlich, daß die örtlichen
Medien kaum Notiz von den Veranstaltungen nahmen. Wir können
dieses Programm nur weiterempfehlen.
UNZ Online
Es war ein bewegender, ein moralisch aufrüttelnder wie intellektuell
anregender Abend.
Nahtlos folgten den Nachrichten literarische Texte. Klaus Feldmann
zitierte Eduardo Galeano. Der spricht von Generälen, die sich
nicht von den Augen ihrer Opfer den Schlaf rauben lassen. Jörg
Kokott und Frank Viehweg sangen einzeln, gemeinsam, begleiteten einander
auf der Gitarre. Menschliche Haltung, offen gezeigte Gefühle,
professionelles Musikantentum das ging unter die Haut. Und
das nicht nur im Lied Holiday in Guantanamo Bay (Kokott),
wo der Geist der Freiheit wohnt, und in Viehwegs Ich
will Antwort, nicht Schüsse.
Thüringer Allgemeine
Klaus Feldmann las Gedichte, Prosa und Satiren, die inhaltlich wohl
(leider) immer aktuell bleiben werden. Er zitierte aber auch aus zeitnahen
Presseauszügen, so zum Beispiel über Geschehnisse in Pößneck
und den rechtsextremistischen Wahnsinn. Nicht weniger
deutlich waren die Lieder von Jörg Kokott und Frank Viehweg,
dazu aber noch musikalisch ein Hochgenuß. Die beiden trugen
eigene und fremde Werke vor, in einer beeindruckenden, virtuosen Qualität,
ohne jedoch dabei abzuheben. Denn sie waren dem Publikum nah und erzählten
Geschich-ten, die nahe gingen, schmunzeln ließen und nicht selten
bittere Wendungen vollzogen. Doch auch Liebeslieder fanden Platz im
Programm, das sich im Grunde um eine Sache drehte: Menschlichkeit.
Ostthüringer Zeitung
Buchung: 0172 3 85 32 81 - www.evm-potsdam.de
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EINE
ANDERE STIMME
Meine fremden Lieder
Mit zwei Konzerten im "Verlängerten Wohnzimmer"
und im „Karl-Liebknecht-Haus“ in Berlin präsentierte
Frank Viehweg im September 2004 sein neues Buch "Eine andere
Stimme", eine Sammlung von Nachdichtungen aus zwanzig Jahren.
Der Band enthält 72 Texte, die der Liedermacher aus dem Spanischen,
Englischen, Russischen, Tschechischen, Griechischen und Portugiesischen
ins Deutsche übertragen hat. Zu den Autoren der Originallieder
gehören u.a. Bruce Cockburn, Vicente Feliú, León
Gieco, Oleg Mitjajew, Jaromír Nohavica, Fito Páez,
Silvio Rodríguez und Daniel Viglietti.
Das Buch ist im NORA Verlag erschienen
(ISBN 3-936735-90-05).
NACHDICHTER SIND HOCHVERRÄTER
1
„Wann fingen die Dinge an, Preise zu haben / Vielleicht als
dem Dummkopf der Spiegel zersprang“, heißt es in der
Nachdichtung eines Liedes von Alejandro Filio. Der Weg des Liederdichters
ist vorgezeichnet. Es geht zurück zu den Dingen, aber auch
zu den Spiegeln und, nun ja, zu den Dummköpfen auch. Was kann
er ausrichten gegen die? Was können die ausrichten gegen ihn?
Er kann sich versagen. Sie können ihn verschweigen. Beides
geschieht.
2
Wer Macht will, muß manipulieren. In den Medienkonzernen sitzen
die Müllerstöchter und müssen Gold zu Stroh verspinnen.
Denn jede Nadel, die ins Fleisch, die ins Gedächtnis stechen
könnte, soll im Heuhaufen verschwinden. Jede Stimme aus dem
Reich des Bösen darin ersticken. Jede Liebe muß in Mitleid
zersäbelt, jede Solidarität in Barmherzigkeiten zerhackt
werden. Niemand darf kennen, was er nachher morden soll. Der Zusammenhang
muß unsichtbar bleiben zwischen dem Leben der einen und dem
Sterben der anderen. Nachdichter sind Hochverräter.
3
Der Dummkopf benutzt den Spiegel nicht, um sich selbst zu erkennen,
sondern um die Welt dahinter nicht sehen zu müssen. Dem Spiegel
ist der Dummkopf egal. Aber der Weise auch. Was für eine Herausforderung!
Putzen? Zerschlagen? Ignorieren? Oder verrücken? Und vielleicht
selber: verrückt werden?
4
Die Liebe. Das Lied. 28 Zeugen der Anklage. 28 Zeugen der Verteidigung.
Kein Richter. Schon gar kein Staatsanwalt. Die Plädoyers klingen
immer ähnlich, bei Wyssozki und Cockburn, Nohavica und Seferis,
Gieco und Rodríguez ... Was hat die Liebe damit zu tun, ob
jemand Arbeit bekommt? Was verstört an der Vorfreude des Pärchens,
das morgen Hochzeit halten will in Sarajevo?
Ist es nicht unpoetisch, daran zu erinnern, daß zweitausend
Menschen sich speisen ließen - ein Jahr lang, ohne Erlöser
- nur von den Rüstungskosten einer Minute? Daß das schon
der Krieg ist, ahnen nur die Bekriegten. Die Sänger auch. Sie
gehören dazu.
5
Frank Viehweg ist durch die Zeiten gestrauchelt. Schaute eben noch
Shakespeare über die Schulter. Saß grad noch bei den
Ungeborenen am Tisch. Jetzt wandert er über die Kontinente.
Es ist der gleiche Weg, von dem er einmal schrieb: „Kann doch
sein, daß wir ... noch werden, wer wir waren“. Was bleibt
denn den babylonisch Verstreuten, als einander die Stimme zu leihen,
die Zärtlichkeit, den Kummer, das was gerade am meisten fehlt,
damit sich das Bild der Erde vollendet, damit der Turm seine Krone
erhält. Menschenwerk. Selbst Götter leihen wir einander,
die uns nicht aus der Unschuld verstoßen und uns aus der Schuld
nicht entlassen. Die aber zuständig sind für Wunder vieler
Art und dafür, daß wir sie sehen inmitten der Abscheulich-keiten.
Wir leihen uns die Legende von einer Erde, die Lippen gebärt,
wo ein Liebender starb. Oder den Mythos von weißen Vögeln,
die ihr Wissen um unsre Geheimnisse ewig und ruhelos macht.
6
Viehwegs Liebende kämpfen. Seine Kämpfenden lieben. Das
hat er mit all seinen Wahlverwandtschaften gemein. Vielleicht beginnt
hier die Vergewisserung. Daß am Ende des Weges nichts anderes
beginnt als ein Weg. Inmitten der seelischen Dürrekatastrophen,
für die es keine Welthungerhilfe gibt. Oder doch? "Ich
trag ... all deine Wunden im Lied", aber "hör lieber
auf die Liebe, wie sie lacht".
7
Das Buch, wenn es fertig ist, riecht nach Druckerschwärze.
Ich denke mir, es wird neben einer Gitarre liegen. Ich sehe zwei
Hände beim Stimmen. Beim Blättern. Vielleicht auch vier.
Ich kann es hören. In den Dingen ist schon das Lied.
Henry-Martin Klemt
Frankfurt (Oder), 2004
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