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Frank Viehweg,
„Ich rief dich oft –
24 Sonette nach
W. Shakespeare“

ISBN 3-935445-50-4


Frank Viehweg,
„Nimm alles was ich liebe –
24 Sonette nach
W. Shakespeare“

ISBN 3-86557-030-5
beide im NORA Verlag erschienen, je 64 Seiten, Paperback, illustriert

„DIE LIEBE DAUERT BIS ZUM JÜNGSTEN TAG“
FRANK VIEHWEGS SHAKESPEARE-SONETTE

MEHR ALS EIN KUNST-STÜCK
Shakespeare-Nachdichtungen von Frank Viehweg bei NORA erschienen

Jegliches hat seine Zeit. Die der Sonette William Shakespeares hat vor reichlich vierhundert Jahren begonnen und es ist nicht absehbar, wann sie zu Ende gehen könnte. Zuweilen scheint es, als sei damals alles Wichtige ausgesprochen worden, was sich über Liebe, Tod, menschliche Leidenschaft und Fehlbarkeit sagen ließe. Und als könnte alles Folgende nur Wiederholung sein. Gerade deshalb hat jede Dichter-Generation sich diesen Verse aufs Neue genähert. Nun also Frank Viehweg.

Schon vor einiger Zeit legte der 1960 geborene Liederdichter aus Berlin das erste Bändchen mit 24 Sonetten vor. Die numerierten Werke hat er nachträglich betitelt und er singt sie in eigenen Kompositionen. „Ich rief dich oft“ ist das Bändchen überschrieben, das neben den Nachdichtungen auch die Originale enthält und einige federleichte Aktskizzen von Martina Kraft. Natürlich darf das 66. Sonett nicht fehlen, das eine Art Scheideprobe für jeden ist, der sich an Shakespeare wagt. Sie ist geglückt, ebenso wie er die anderen Gedichte bedachtsam hindurchführt zwischen den Geistern und Ungeistern einer neuen Epoche, die Autos an die Stelle von Kaleschen setzt, und was bei Kraus noch als Geckenkleid hingeht, ist inzwischen zum Markenhemd mutiert. Ein Riß in der Zeit aber ist nicht zu spüren. Was sind schon 400 Jahre?

Größer scheint der Abstand zum zweiten Doppeldutzend Shakespearescher Werke, das Viehweg nun unter der Titel „Nimm alles was ich liebe“ vorgelegt hat. Die Zeichnungen, diesmal vom Sohn, sind energischer, lassen weniger offen. Der Strich erobert und schließt ab. Der Dichter aber erobert und schließt auf, noch immer. Er gibt zu, daß er sich gegen manchen Vers wehrte, eh er sich seiner annehmen mußte. Denn öfter geht es in diesem Büchlein um das Fortgehen für jetzt und das Vergehen für immer, aber auch um Trug und Täuschung und Ertragen. Nicht nur die Melancholie wiegt schwerer. Der Feder eines Dichters dorthin zu folgen, wo er noch in der Selbstverleugnung ein Wissender ist, wissend um sich und um die, deretwillen er sich beugt, das ist mehr als ein Kunst-Stück. Ist so fernab vom Schnellfraß der Moderne, daß selbst, wer sich der Mode widersetzt, seine liebe Not damit hat. Denn er bleibt doch ein Kind des eigenen, bemessenen Moments.
Den Widerstand erspüren, den alle Liebe in sich trägt, ihn fühlbar, hörbar machen, gehört zum Maß der Poesie. Widerstand gegen den Tod und seine Propheten, gegen Hoffnungslosigkeit und Verführungskalkül.

Die Wahrheit am Ende: zwei widerstreitende, untrennbar verbundene Zeilen. Wie Schweigen und Singen. Wie Frau und Mann.

HENRY-MARTIN KLEMT




 

VORWORT ZU „ICH RIEF DICH OFT“
ICH KANN NUR ALTE WORTE AUFPOLIERN

Hier sind 24 Gedichte versammelt, die ich gern selbst geschrieben hätte. Und so wäre es vermutlich auch gekommen, aber ich kam zu spät. Vor rund 400 Jahren dichtete William Shakespeare diese Verse und noch einige mehr, und der Verleger Thomas Thorpe bündelte sie zu einem Buch und gab sie als „Shake-speares Sonnets“ heraus. Mir blieb also nichts weiter, als die Gedichte aus Shakespeares Englisch in mein liederhaftes Deutsch zu transponieren. Und ich wähle bewußt dieses Wort der Veränderung aus der Musik, um meine Arbeit zu beschreiben. Meine Nachdichtungen erklingen in einer anderen Tonart als die Originale. Es sind Dichtungen nach Shakespeare, sie entsprechen, so denke ich, Shakespeare, vor allem aber entsprechen sie mir.

Englisch habe ich in der Schule gelernt. Aber das ist lange her, und mit den Sonetten von Shakespeare hatte es rein gar nichts zu tun. So haben die Götter in diesem Fall vor die Nachdichtung die Übersetzung gesetzt. Dirk Heiland hat sie für mich besorgt. Ich danke ihm dafür und für manches (er)klärende Wort.

In allen Zeiten habe ich mich wenig um die Mode und die Hitparaden gekümmert. Ich entdeckte erst, nachdem ich mit der Arbeit begonnen hatte, daß nahezu 180 Kolleginnen und Kollegen die Sonette bereits teilweise, aber auch komplett übertragen hatten. So werden also der Leserin und dem Leser dieser Sammlung eine Menge lebendiger und unsterblicher Dichter interessiert und/oder mißtrauisch über die Schulter sehen.

Gute Unterhaltung!

Frank Viehweg
Berlin, im Frühjahr 2001

 

 

ICH RIEF DICH OFT
(78. Sonett)

Ich rief dich oft als meine Muse an
Und fand in deiner Hilfe mein Gedicht
Nun macht manch fremder Stift sich auch daran
Und schmiedet Verse auf dein Angesicht

In deinen Augen klingt des Stummen Ton
Und Trägheit schwingt sich auf zu lichten Höhn
Der Schöpfergeist sprengt jede Dimension
Und Anmut zeigt sich schöner noch als schön

Doch wirklich stolz sein kannst du auf mein Lied
Als hättest du die Verse selbst erdacht
In Werken andrer bist du Kolorit
Und Schönheit, die dich selber schöner macht

Doch meine Kunst ist nur durch dich allein
Erst du läßt mein Bemühen Dichtung sein


WENN ICH DIE AUGEN SCHLIESSE
(43. Sonett)

Wenn ich die Augen schließe, seh ich mehr
Als übern ganzen Tag die Nichtigkeiten
Und wenn ich schlafe, bringt mein Traum dich her
So kannst du mich durch jedes Dunkel leiten

Dein Schatten spendet andren Schatten Licht
Wie brächte er am sonnenhellen Tag
Mit hellrem Licht mich ganz ins Gleichgewicht
Wo er im Dunkeln schon so viel vermag

Wie wär mein Blick von aller Trübnis frei
Könnt ich dich sehn, bevor der Tag versinkt
Wo schon dein Schatten nachts wie nebenbei
Zu meinen schlafverklebten Augen dringt

Bis ich dich seh, ist jeder Tag nur Nacht
Ist jede Nacht im Traum zum Tag gemacht


WAS MACHT’S SCHON
(70. Sonett)

Was machts schon, daß man dir am Zeuge flickt
Verleumdung nimmt sich stets das Beste vor
Und Makellosigkeit ist ein Delikt
Ein schwarzer Vogel steigt zum Licht empor

Denn bist du gut, zieht man dich in den Dreck
Statt daß die Zeit dich in den Himmel hebt
Die Raupe frißt die schönsten Blätter weg
Und du stehst da so schön und unverlebt

Den ersten Plänkelein entgingst du klug
Mit etwas Glück, als Siegerin zumeist
Und doch ist dieses Lob nicht Lob genug
Daß es die Neider in die Schranken weist

Wärs nicht so, daß sich Argwohn ewig hält
Dann läge dir zu Füßen alle Welt


DA SOLL NICHTS SEIN
(116. Sonett)

Da soll nichts sein, was zwein im Wege steht
Die sich vertraun. Das wäre Liebe nicht
Die selber wankt, wenn es ans Wanken geht
Und an der kleinsten Schwierigkeit zerbricht

Oh nein, sie ist der Leuchtturm, der beherzt
Und jedem Sturm zum Trotz sein Licht verbreitet
Sie ist an einem Himmel, nachtgeschwärzt
Der eine Stern, der jedes Schiff begleitet

Die Liebe ist doch nicht der Narr der Zeit
Die ihr vielleicht die Schönheit nehmen mag
Doch nichts von ihrer Unumstößlichkeit
Die Liebe dauert bis zum Jüngsten Tag

Doch wenn mein Urteil sich als falsch ergibt
Schrieb ich kein Wort. Kein Mensch hat je geliebt


’S IST BESSER
(121. Sonett)

‘s ist besser, schlecht zu sein als so verschrien
Denn bist du gut, hängt man dir doch was an
Die Lebensfreude wird uns nicht verziehn
Mit ihrer Scheißmoral kriegn sie uns dran

Was spenden Lumpen heuchlerisch Applaus
Wenn mich die Liebe kopflos macht und geil
Was spitzeln Sünder meine Sünden aus
Und kehrn, was lieb mir ist, ins Gegenteil

Nein, ich bin, was ich bin und bin das Tier
Das andre opfern für die eigne Tat
Doch könnte sein, nicht ich bin der Vampir
Ich scheiße was auf deren Postulat

Sie selbst sinds, die das Übel fabriziern
Die Welt ist schlecht, solange sie regiern


SO WIE DIE WELLEN
(60. Sonett)

So wie die Wellen wirbeln an den Strand
Verenden die Minuten unsrer Zeit
Und eine folgt der andren kurzerhand
In mühsam eilender Geschäftigkeit

Kaum kroch das Leben aus dem Schoß ans Licht
Steht’s vor der Reife als dem letzten Stück
Und widersteht den Finsternissen nicht
Die Zeit verlangt, was sie erst gab, zurück

Die Zeit zerstört der Jugend Blütenblatt
Gräbt Furchen in die Stirn der Schönheit ein
Und frißt an Rarem der Natur sich satt
Nichts kann vor ihrer Sense sicher sein

Und doch, mein Lied für dich, in Ewigkeit
Trotzt allen Grausamkeiten jeder Zeit


VON ALLEM MÜD
(66. Sonett)

Von allem müd, verlang ich nach dem Tod
Ich seh, Verdienst verkommt zur Bettelei
Und hohles Nichts wird oberstes Gebot
Und Treue weicht verlogner Schwätzerei

Und Ehre wird den Ehrlosen verliehn
Und Unschuld ausverkauft wie eine Ware
Und Meisterschaft wird schamlos angespien
Und Stärke ausgemergelt durch die Jahre

Und Kunst verstummt im Angesicht der Macht
Und Weisheit wird von Stumpfsinn relegiert
Und Ehrlichkeit wird als naiv verlacht
Und Güte von Gemeinheit arretiert

Von allem müd, wär fortzugehn ein Glück
Ließ ich im Sterben nicht mein Lieb zurück


EIN SOMMERTAG
(18. Sonett)

Ein Sommertag ist kein Vergleich mit dir
Weil du bezaubernder und sanfter bist
Der Frühlingswind reißt Blüten wie Papier
Dem Sommer bleibt nur eine kurze Frist

Die Sonne brennt voll Unbesonnenheit
Dann wieder schwärzt sich ihre goldne Spur
Das Schönste ist nicht schön auf Ewigkeit
Im Lauf der unerbittlichen Natur

Dein Sommer aber soll nicht endlich sein
Und nicht die Schönheit, die du ihm verleihst
Der Tod gibt sich mit dir kein Stelldichein
Wenn du im Lied durch alle Zeiten reist

Solange Menschen atmen, hörn und sehn
Bleibt dieses Lied und du wirst nicht vergehn

 



VORWORT ZU „NIMM ALLES WAS ICH LIEBE“

ICH KENN MICH GUT MIT MEINEN SCHWÄCHEN AUS

Eine dieser Schwächen, womöglich die angenehmste und leicht entschuldbare, sind die Sonette von William Shakespeare. Diese rund 400 Jahre alten Gedichte sind so neu und heutig, daß sie eine Übertragung geradezu herausfordern. Und das wußten auch schon andere Nachdichter zu anderen Zeiten. Letztere wiederum sind sich gleich geblieben durch alle Veränderungen. Was auch immer geschieht und neu erlebt wird, Shakespeare hat es bereits in Rhythmus und Reim gebracht.

Vor vier Jahren hatte ich einen ersten Zyklus aus 24 Shakespeare-Sonetten übertragen. Hier folgt ein zweiter Teil, nicht aus Einfallslosigkeit oder gar des großen Erfolges wegen, sondern als notwendige Ergänzung. Aus ganz persönlichen, genauer gesagt, egoistischen Gründen, hatte ich in meiner Auswahl eine wichtige Farbe der Shakespeareschen Sonette vernachlässigt. Das Leben aber, das immer gleiche, hat nicht lange gezögert, mich an mein Versäumnis zu erinnern.

Also bat ich meinen Freund Dirk Heiland ein zweites mal um einen Stapel Interlinearübersetzungen von 24 Shakespeare-Sonetten und machte mich daran, sie zu transponieren aus dem Heute Englands vor 400 Jahren in das Heute meiner Lieder-Verse. Und auch diesmal hat sich nichts verändert außer der Tonart, in der die Verse erklingen. Nun ist es an den Leserinnen und Lesern, die Gedichte zu vervollständigen.

Gute Unterhaltung!

Frank Viehweg
Berlin, im Frühjahr 2005



SCHÖNER TAG
(34. Sonett)

Du hast mir’n schönen Tag vorhergesagt
Und mich mit ohne Mantel losgeschickt
Die schlimmsten Wolken haben mich gejagt
Und mir dein makelloses Bild zerknickt

Jetzt reicht es kaum, daß du die Wolken teilst
Und mir den Regen trocknest im Gesicht
Und dich mit deiner Wundersalbe eilst
Die Wunden heilt, doch meinen Kummer nicht

Nicht wirklich hilft mir jetzt dein Schamgefühl
Dir tut es leid und mir die Seele weh
Des Frevlers Reue bietet kein Asyl
Für den, den ich mit Schmach beladen seh

Doch weinst du Liebestränen, nebenbei
Kauft jede dich, wie Perln, von allem frei


DAS SCHICKSAL
(90. Sonett)

Komm, haß mich, wenn du willst und tu es jetzt
Jetzt, da mir grad die Welt so viel zerschlägt
Schließ dich dem Los an, das mich kalt zerfetzt
Und wart nicht, bis sich nichts mehr in mir regt

Wenn doch mein Herz die Qualen übersteht
Mach mich nicht hinterrücks von neuem krank
Schick Regen nicht dem Sturm nach, der verweht
Schieb nicht das Unheil auf die lange Bank

Verlaß mich, wenn du willst, doch nicht erst dann
Wenn all der andre Kummer nichts mehr zählt
Mach jetzt den Schritt, damit ich spüren kann
Wie mich im äußersten das Schicksal quält

Was heute schmerzt, verspür ich morgen nicht
Denn bist du fort, fällt nichts mehr ins Gewicht


OBSZÖNER CHARME
(40. Sonett)

Nimm alles, was ich liebe, nimm es hin
Hast du nun mehr als irgendwann zuvor
Und nennst es Liebe ganz in unsrem Sinn
Ich gab dir alles, eh ich mehr verlor

Wenn du dich nun mit mancherlei vergnügst
Was ich dir gab, darf ich nicht zornig sein
Ich zürn dir nur, wenn du dich selbst betrügst
Und läßt dich auf zuvor Verschmähtes ein

Dir, schöne Diebin, ist die Tat verziehn
Steh ich auch mittellos vor meinem Traum
Die Liebe weiß, man kann dem Haß entfliehn
Den Gaukelein des Glücks entgeht man kaum

Obszöner Charme, wo Schlechtes gut erscheint
Du tötest mich und bist doch nicht mein Feind


BESTER ANWALT
(35. Sonett)

Nicht länger soll dich reun, was du getan
Der Rose sind die Dornen zugedacht
Die Sonne geht, wenn sich die Wolken nahn
Ein Schädling wohnt in schönster Blütenpracht

Der Mensch macht ewig Fehler. So auch ich
Wenn ich im Gleichnis decke dein Vergehn
Dir mehr vergebe als erforderlich
Um blindlings zu bemänteln, was geschehn

Ich bring in deinen Sinnentaumel Sinn
Dein Widerpart tritt in den Zeugenstand
Bis ich am Ende der Beklagte bin
So eng sind Fluch und Liebesschmerz verwandt

Du läßt mich restlos ausgeraubt allein
Und ich muß noch dein bester Anwalt sein


GRÖSSTES UNRECHT
(88. Sonett)

Wenn’s irgend dir gefällt, mich abzutun
Wenn du mich unter Spott und Häme pflügst
Dann steh ich dir zur Seite und will nun
Beschwörn, wie recht du hast, obgleich du lügst

Ich kenn mich gut mit meinen Schwächen aus
Und kann dir jeden Makel offenbarn
Für dich springt dabei einiges heraus
Verläßt du mich, wirst du viel Ruhm erfahrn

Und ich mach dabei gleichfalls meinen Schnitt
Kommt mein verliebtes Denken über dich
Der selbstgeschlagne Schmiß und jeder Tritt
Sind dein Gewinn, der doppelt zählt für mich

So ist die Liebe. Ich, mit jedem Sinn
Nehm für dein Recht das größte Unrecht hin


DEIN BLICK
(139. Sonett)

Wart nicht, daß ich das Üble sanktionier
Das mir dein Unmut in die Seele trug
Schlag mit dem Wort, doch nimm den Blick von mir
Ach, deine Macht braucht keinen Winkelzug

Sag, daß du mich betrügst, doch flirte nicht
Verstohln mit Kerln in meiner Gegenwart
Führ mich nicht mit Gemeinheit hinter’s Licht
Ich zieh den kürzeren auf jede Art

Wenn ich verzeih, dann nur aus einem Grund
Dein Blick ist längst mein Feind, wie du wohl weißt
Du nimmst mir diesen süßen Vagabund
Damit er andre in den Abgrund reißt

Was red’ ich denn! Dein edler Meuchelmord
Dein Blick, der tötet, nimmt die Schmerzen fort


DER RAUB
(48. Sonett)

Wie war ich stets im Fortgehn auf der Hut
Hab fest verschlossen jede Kleinigkeit
Daß niemand sich vergreift an meinem Gut
Und nichts sich ändert in der Zwischenzeit

Doch dich, die du mein größter Reichtum bist
Mein stärkster Trost und nun mein tiefster Gram
Das Teuerste, dem nichts vergleichbar ist
Dich ließ ich schutzlos jedem Lump, der kam

Ich hab dich nie und nimmer eingesteckt
Ich schloß dich nur ins Herz. Vor aller Welt
Wärst du beschützt, so dacht ich unbeleckt
Kannst kommen und kannst gehn, wie’s dir gefällt

Doch stiehlt man dich auch dort, wie ich jetzt weiß
Selbst Treue wird zum Raub bei solchem Preis


DIE SCHULD
(120. Sonett)

Daß du einst lieblos warst, erfreut mich jetzt
Und wegen meines Schmerzes dazumal
Müßt ich mich heute schämen ganz zuletzt
Es sei denn, meine Nerven wärn aus Stahl

Denn hast du meinen Unmut jetzt verspürt
Wie ich einst deinen, geht’s dir mehr als schlecht
So wie’s mir ging. Was hat mich nur verführt
Dein Leid nicht zu bedenken selbstgerecht

Als wüßt ich nicht, wie Gram in jener Nacht
Gebohrt hat und die Schmerzen ausgeteilt
Und du hast auch die Linderung gebracht
Den Balsam, der so arg Geschundnes heilt

Ach Schuld um Schuld! Am Ende, hoffe ich
Kauft mein Vergehn dich frei und deines mich


FRANK VIEHWEG: LIEDERMACHER, TEXTAUTOR, NACHDICHTER