ICH RIEF DICH OFT
(78. Sonett)
Ich rief dich oft als meine Muse
an
Und fand in deiner Hilfe mein Gedicht
Nun macht manch fremder Stift sich auch daran
Und schmiedet Verse auf dein Angesicht
In deinen Augen klingt des Stummen
Ton
Und Trägheit schwingt sich auf zu lichten Höhn
Der Schöpfergeist sprengt jede Dimension
Und Anmut zeigt sich schöner noch als schön
Doch wirklich stolz sein kannst
du auf mein Lied
Als hättest du die Verse selbst erdacht
In Werken andrer bist du Kolorit
Und Schönheit, die dich selber schöner macht
Doch meine Kunst ist nur durch
dich allein
Erst du läßt mein Bemühen Dichtung sein
WENN ICH DIE AUGEN SCHLIESSE
(43. Sonett)
Wenn ich die Augen schließe,
seh ich mehr
Als übern ganzen Tag die Nichtigkeiten
Und wenn ich schlafe, bringt mein Traum dich her
So kannst du mich durch jedes Dunkel leiten
Dein Schatten spendet andren Schatten
Licht
Wie brächte er am sonnenhellen Tag
Mit hellrem Licht mich ganz ins Gleichgewicht
Wo er im Dunkeln schon so viel vermag
Wie wär mein Blick von aller
Trübnis frei
Könnt ich dich sehn, bevor der Tag versinkt
Wo schon dein Schatten nachts wie nebenbei
Zu meinen schlafverklebten Augen dringt
Bis ich dich seh, ist jeder Tag
nur Nacht
Ist jede Nacht im Traum zum Tag gemacht
WAS MACHTS SCHON
(70. Sonett)
Was machts schon, daß man
dir am Zeuge flickt
Verleumdung nimmt sich stets das Beste vor
Und Makellosigkeit ist ein Delikt
Ein schwarzer Vogel steigt zum Licht empor
Denn bist du gut, zieht man dich
in den Dreck
Statt daß die Zeit dich in den Himmel hebt
Die Raupe frißt die schönsten Blätter weg
Und du stehst da so schön und unverlebt
Den ersten Plänkelein entgingst
du klug
Mit etwas Glück, als Siegerin zumeist
Und doch ist dieses Lob nicht Lob genug
Daß es die Neider in die Schranken weist
Wärs nicht so, daß sich
Argwohn ewig hält
Dann läge dir zu Füßen alle Welt
DA SOLL NICHTS SEIN
(116. Sonett)
Da soll nichts sein, was zwein
im Wege steht
Die sich vertraun. Das wäre Liebe nicht
Die selber wankt, wenn es ans Wanken geht
Und an der kleinsten Schwierigkeit zerbricht
Oh nein, sie ist der Leuchtturm,
der beherzt
Und jedem Sturm zum Trotz sein Licht verbreitet
Sie ist an einem Himmel, nachtgeschwärzt
Der eine Stern, der jedes Schiff begleitet
Die Liebe ist doch nicht der Narr
der Zeit
Die ihr vielleicht die Schönheit nehmen mag
Doch nichts von ihrer Unumstößlichkeit
Die Liebe dauert bis zum Jüngsten Tag
Doch wenn mein Urteil sich als
falsch ergibt
Schrieb ich kein Wort. Kein Mensch hat je geliebt
S IST BESSER
(121. Sonett)
s ist besser, schlecht zu
sein als so verschrien
Denn bist du gut, hängt man dir doch was an
Die Lebensfreude wird uns nicht verziehn
Mit ihrer Scheißmoral kriegn sie uns dran
Was spenden Lumpen heuchlerisch
Applaus
Wenn mich die Liebe kopflos macht und geil
Was spitzeln Sünder meine Sünden aus
Und kehrn, was lieb mir ist, ins Gegenteil
Nein, ich bin, was ich bin und
bin das Tier
Das andre opfern für die eigne Tat
Doch könnte sein, nicht ich bin der Vampir
Ich scheiße was auf deren Postulat
Sie selbst sinds, die das Übel
fabriziern
Die Welt ist schlecht, solange sie regiern
SO WIE DIE WELLEN
(60. Sonett)
So wie die Wellen wirbeln an den
Strand
Verenden die Minuten unsrer Zeit
Und eine folgt der andren kurzerhand
In mühsam eilender Geschäftigkeit
Kaum kroch das Leben aus dem Schoß
ans Licht
Stehts vor der Reife als dem letzten Stück
Und widersteht den Finsternissen nicht
Die Zeit verlangt, was sie erst gab, zurück
Die Zeit zerstört der Jugend
Blütenblatt
Gräbt Furchen in die Stirn der Schönheit ein
Und frißt an Rarem der Natur sich satt
Nichts kann vor ihrer Sense sicher sein
Und doch, mein Lied für dich,
in Ewigkeit
Trotzt allen Grausamkeiten jeder Zeit
VON ALLEM MÜD
(66. Sonett)
Von allem müd, verlang ich
nach dem Tod
Ich seh, Verdienst verkommt zur Bettelei
Und hohles Nichts wird oberstes Gebot
Und Treue weicht verlogner Schwätzerei
Und Ehre wird den Ehrlosen verliehn
Und Unschuld ausverkauft wie eine Ware
Und Meisterschaft wird schamlos angespien
Und Stärke ausgemergelt durch die Jahre
Und Kunst verstummt im Angesicht
der Macht
Und Weisheit wird von Stumpfsinn relegiert
Und Ehrlichkeit wird als naiv verlacht
Und Güte von Gemeinheit arretiert
Von allem müd, wär fortzugehn
ein Glück
Ließ ich im Sterben nicht mein Lieb zurück
EIN SOMMERTAG
(18. Sonett)
Ein Sommertag ist kein Vergleich
mit dir
Weil du bezaubernder und sanfter bist
Der Frühlingswind reißt Blüten wie Papier
Dem Sommer bleibt nur eine kurze Frist
Die Sonne brennt voll Unbesonnenheit
Dann wieder schwärzt sich ihre goldne Spur
Das Schönste ist nicht schön auf Ewigkeit
Im Lauf der unerbittlichen Natur
Dein Sommer aber soll nicht endlich
sein
Und nicht die Schönheit, die du ihm verleihst
Der Tod gibt sich mit dir kein Stelldichein
Wenn du im Lied durch alle Zeiten reist
Solange Menschen atmen, hörn
und sehn
Bleibt dieses Lied und du wirst nicht vergehn
VORWORT ZU NIMM ALLES WAS
ICH LIEBE
ICH KENN MICH GUT MIT MEINEN SCHWÄCHEN
AUS
Eine dieser Schwächen, womöglich
die angenehmste und leicht entschuldbare, sind die Sonette von William
Shakespeare. Diese rund 400 Jahre alten Gedichte sind so neu und
heutig, daß sie eine Übertragung geradezu herausfordern.
Und das wußten auch schon andere Nachdichter zu anderen Zeiten.
Letztere wiederum sind sich gleich geblieben durch alle Veränderungen.
Was auch immer geschieht und neu erlebt wird, Shakespeare hat es
bereits in Rhythmus und Reim gebracht.
Vor vier Jahren hatte ich einen ersten
Zyklus aus 24 Shakespeare-Sonetten übertragen. Hier folgt ein
zweiter Teil, nicht aus Einfallslosigkeit oder gar des großen
Erfolges wegen, sondern als notwendige Ergänzung. Aus ganz
persönlichen, genauer gesagt, egoistischen Gründen, hatte
ich in meiner Auswahl eine wichtige Farbe der Shakespeareschen Sonette
vernachlässigt. Das Leben aber, das immer gleiche, hat nicht
lange gezögert, mich an mein Versäumnis zu erinnern.
Also bat ich meinen Freund Dirk Heiland
ein zweites mal um einen Stapel Interlinearübersetzungen von
24 Shakespeare-Sonetten und machte mich daran, sie zu transponieren
aus dem Heute Englands vor 400 Jahren in das Heute meiner Lieder-Verse.
Und auch diesmal hat sich nichts verändert außer der
Tonart, in der die Verse erklingen. Nun ist es an den Leserinnen
und Lesern, die Gedichte zu vervollständigen.
Gute Unterhaltung!
Frank Viehweg
Berlin, im Frühjahr 2005
SCHÖNER TAG
(34. Sonett)
Du hast mirn schönen
Tag vorhergesagt
Und mich mit ohne Mantel losgeschickt
Die schlimmsten Wolken haben mich gejagt
Und mir dein makelloses Bild zerknickt
Jetzt reicht es kaum, daß
du die Wolken teilst
Und mir den Regen trocknest im Gesicht
Und dich mit deiner Wundersalbe eilst
Die Wunden heilt, doch meinen Kummer nicht
Nicht wirklich hilft mir jetzt
dein Schamgefühl
Dir tut es leid und mir die Seele weh
Des Frevlers Reue bietet kein Asyl
Für den, den ich mit Schmach beladen seh
Doch weinst du Liebestränen,
nebenbei
Kauft jede dich, wie Perln, von allem frei
DAS SCHICKSAL
(90. Sonett)
Komm, haß mich, wenn du willst
und tu es jetzt
Jetzt, da mir grad die Welt so viel zerschlägt
Schließ dich dem Los an, das mich kalt zerfetzt
Und wart nicht, bis sich nichts mehr in mir regt
Wenn doch mein Herz die Qualen
übersteht
Mach mich nicht hinterrücks von neuem krank
Schick Regen nicht dem Sturm nach, der verweht
Schieb nicht das Unheil auf die lange Bank
Verlaß mich, wenn du willst,
doch nicht erst dann
Wenn all der andre Kummer nichts mehr zählt
Mach jetzt den Schritt, damit ich spüren kann
Wie mich im äußersten das Schicksal quält
Was heute schmerzt, verspür
ich morgen nicht
Denn bist du fort, fällt nichts mehr ins Gewicht
OBSZÖNER CHARME
(40. Sonett)
Nimm alles, was ich liebe, nimm
es hin
Hast du nun mehr als irgendwann zuvor
Und nennst es Liebe ganz in unsrem Sinn
Ich gab dir alles, eh ich mehr verlor
Wenn du dich nun mit mancherlei
vergnügst
Was ich dir gab, darf ich nicht zornig sein
Ich zürn dir nur, wenn du dich selbst betrügst
Und läßt dich auf zuvor Verschmähtes ein
Dir, schöne Diebin, ist die
Tat verziehn
Steh ich auch mittellos vor meinem Traum
Die Liebe weiß, man kann dem Haß entfliehn
Den Gaukelein des Glücks entgeht man kaum
Obszöner Charme, wo Schlechtes
gut erscheint
Du tötest mich und bist doch nicht mein Feind
BESTER ANWALT
(35. Sonett)
Nicht länger soll dich reun,
was du getan
Der Rose sind die Dornen zugedacht
Die Sonne geht, wenn sich die Wolken nahn
Ein Schädling wohnt in schönster Blütenpracht
Der Mensch macht ewig Fehler. So
auch ich
Wenn ich im Gleichnis decke dein Vergehn
Dir mehr vergebe als erforderlich
Um blindlings zu bemänteln, was geschehn
Ich bring in deinen Sinnentaumel
Sinn
Dein Widerpart tritt in den Zeugenstand
Bis ich am Ende der Beklagte bin
So eng sind Fluch und Liebesschmerz verwandt
Du läßt mich restlos
ausgeraubt allein
Und ich muß noch dein bester Anwalt sein
GRÖSSTES UNRECHT
(88. Sonett)
Wenns irgend dir gefällt,
mich abzutun
Wenn du mich unter Spott und Häme pflügst
Dann steh ich dir zur Seite und will nun
Beschwörn, wie recht du hast, obgleich du lügst
Ich kenn mich gut mit meinen Schwächen
aus
Und kann dir jeden Makel offenbarn
Für dich springt dabei einiges heraus
Verläßt du mich, wirst du viel Ruhm erfahrn
Und ich mach dabei gleichfalls
meinen Schnitt
Kommt mein verliebtes Denken über dich
Der selbstgeschlagne Schmiß und jeder Tritt
Sind dein Gewinn, der doppelt zählt für mich
So ist die Liebe. Ich, mit jedem
Sinn
Nehm für dein Recht das größte Unrecht hin
DEIN BLICK
(139. Sonett)
Wart nicht, daß ich das Üble
sanktionier
Das mir dein Unmut in die Seele trug
Schlag mit dem Wort, doch nimm den Blick von mir
Ach, deine Macht braucht keinen Winkelzug
Sag, daß du mich betrügst,
doch flirte nicht
Verstohln mit Kerln in meiner Gegenwart
Führ mich nicht mit Gemeinheit hinters Licht
Ich zieh den kürzeren auf jede Art
Wenn ich verzeih, dann nur aus
einem Grund
Dein Blick ist längst mein Feind, wie du wohl weißt
Du nimmst mir diesen süßen Vagabund
Damit er andre in den Abgrund reißt
Was red ich denn! Dein edler
Meuchelmord
Dein Blick, der tötet, nimmt die Schmerzen fort
DER RAUB
(48. Sonett)
Wie war ich stets im Fortgehn auf
der Hut
Hab fest verschlossen jede Kleinigkeit
Daß niemand sich vergreift an meinem Gut
Und nichts sich ändert in der Zwischenzeit
Doch dich, die du mein größter
Reichtum bist
Mein stärkster Trost und nun mein tiefster Gram
Das Teuerste, dem nichts vergleichbar ist
Dich ließ ich schutzlos jedem Lump, der kam
Ich hab dich nie und nimmer eingesteckt
Ich schloß dich nur ins Herz. Vor aller Welt
Wärst du beschützt, so dacht ich unbeleckt
Kannst kommen und kannst gehn, wies dir gefällt
Doch stiehlt man dich auch dort,
wie ich jetzt weiß
Selbst Treue wird zum Raub bei solchem Preis
DIE SCHULD
(120. Sonett)
Daß du einst lieblos warst,
erfreut mich jetzt
Und wegen meines Schmerzes dazumal
Müßt ich mich heute schämen ganz zuletzt
Es sei denn, meine Nerven wärn aus Stahl
Denn hast du meinen Unmut jetzt
verspürt
Wie ich einst deinen, gehts dir mehr als schlecht
So wies mir ging. Was hat mich nur verführt
Dein Leid nicht zu bedenken selbstgerecht
Als wüßt ich nicht,
wie Gram in jener Nacht
Gebohrt hat und die Schmerzen ausgeteilt
Und du hast auch die Linderung gebracht
Den Balsam, der so arg Geschundnes heilt
Ach Schuld um Schuld! Am Ende,
hoffe ich
Kauft mein Vergehn dich frei und deines mich
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