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19. Liebeslied
Alles was ich kann
An Dich Martina
Anna Clara
Auf der Strasse
Auferstehung
Barcelona
Blasser Morgen
Das Problem
Die Idee
Ein Lied
Ein Zeichen
Élégie à Paris
Genau wie Du
Gerardo
Halbe Ewigkeit
Hier, wo ich lebe
Ich suche Dich
In Eile
Jetzt
Kleine Ballade
Kleines Lied
Keine Verlierer
Lied
Liebeslied nach 12
Mandelaugenzigarettenmädchen
Martinas Lied
Mein Grund
Nach dem Konzert
Nahe 40
Neujahrslied (salade érotique)
Nicht mehr als
November
Nur wegen Dir
Ohne klaren Kopf
Schade
Something for Susanne
Tribut
Vielleicht
Was sie sagen
Was ich gekonnt
Wer wir waren
Wie das geht
Wieder
Zerrissenes Herz
Zuhaus
Zwei in Barcelona
 



WER WIR WAREN

Für Gioconda und Eduardo

Kann doch sein
Daß wir uns lieben
Noch in dreimal hundert Jahren
Kann doch sein
Daß wir nicht sterben
Tod und Teufel nichts vererben
Und noch werden wer wir waren
Auf der Suche
Nach den Träumen
Hab ich dich und mich
Gefunden

Kann doch sein
Daß wir uns lieben
Und das kleinste Bild bewahren
Daß wir nicht
Den Kopf verschenken
Und doch mit den Herzen denken
Und noch werden wer wir waren

Kann doch sein
Daß wir uns lieben
Und uns selber nichts ersparen
Und daß wir
Nicht unser Leben
Aus den Fesseln andrer heben
Und noch werden wer wir waren

Auf der Suche
Nach den Träumen
Hab ich dich und mich
Gefunden

Kann doch sein
Daß wir uns lieben
Noch in dreimal hundert Jahren
Kann doch sein
Daß wir nicht sterben
Tod und Teufel nichts vererben
Und noch werden wer wir waren


(1997)

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NUR WEGEN DIR

Wir leben nicht wie die Made im Speck
Wir kratzen nicht die Würmer ausm Dreck
Es geht uns nicht gut
Und es geht uns nicht schlecht
Wir wolln fürs Leben gern anderswo sein
Wir bleiben hier, und wir richten uns ein
Wir kommen nicht hin
Und wir kommen zurecht

Vielleicht
Bin ich hier
Nur wegen dir

Wir halten nicht die Fäden in der Hand
Wir stehen nicht mitm Rücken an der Wand
Wir tun uns nicht gut
Und wir tun uns nicht leid
Wir haben nicht beim World-Cup abgeräumt
Wir haben nicht die Träume ausgeträumt
Wir spieln nicht auf Sieg
Und wir spieln nicht auf Zeit

Vielleicht
Bin ich hier
Nur wegen dir


(1996)

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LIEBESLIED NACH 12

Ganz nah ist Krieg
Und ich hab Liebeskummer
Schon brennt die Welt und ich
Verbrenn für dich
Der Radiosprecher bricht
In meinen Schlummer
Ich laß die Welt
Und du läßt mich im Stich

Die Bomben falln
Die Börsenkurse steigen
Ich fall aus allen Wolken
Jämmerlich
Der Krieg gewinnt
Mit Pauken und mit Geigen
Und ich verlier
In jeder Stunde dich

Wie kann ich denn
Den Schmerz der Welt ertragen
Wenn schon mein kleiner Kummer
Mich zerfrißt
Ich find die Toten nicht
In meinen Klagen
Ganz nah ist Krieg
Als ob er durch mich ist

Ach Liebes, sag
Wie soll das alles enden
Sind wir zu jeder Schandtat
Zu verführn
Die ganze Welt
Gerät mir aus den Händen
Wenn deine Hände
Mich nicht mehr berührn


(1991)

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MEIN GRUND
für Martina

Du bist mein Grund
Auf dem ich steh
Du bist der Grund
Weshalb ich geh
Sicher und wund -
Hexe und Fee -
Du bist mein Grund

Immer gibt es welche
Die machen nicht mehr mit
Treten aus der Riege
Mit einem Wechselschritt
Welche, denen schlägt noch
Das Herz bis rauf zum Hals
Immer gibt es welche
Meistens jedenfalls

Immer gibt es welche
Die machen noch den Schritt
Ohne jede Deckung
Und keiner sonst geht mit
Welche, denen schlägt noch
Das Herz bis unters Kinn
Immer gibt es welche
Meistens immerhin

Du bist mein Grund
Auf dem ich steh
Du bist der Grund
Weshalb ich geh
Sicher und wund -
Hexe und Fee -
Du bist mein Grund


(1999)

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AN DICH, MARTINA

Wenn du fort bist, entgleisen die Züge
Und die Umweltministerin strahlt wunderlich
Die Regierung ermächtigt die Lüge
Wenn du fort bist, entgleisen die Züge
Und ich denk fast nur noch
An dich

Wenn du fort bist, ist alles verändert
Und die Meldungen gleichen dem Wetterbericht
Und der rastlose Tag kommt geschlendert
Wenn du fort bist, ist alles verändert
Nur ich bin der Sture und ändre
Mich nicht

Wenn du fort bist, bleibt alles beim Alten
Und die nacht frißt den Tag aus dem Fernsehbericht
Und die Mächtigen schalten und walten
Wenn du fort bist, bleibt alles beim Alten
Und Wunder geschehen und merken
Es nicht

Wenn du fort bist, entgleisen die Züge
Und die Umweltministerin strahlt fürchterlich
Die Regierung ermächtigt die Lüge
Wenn du fort bist, entgleisen die Züge
Und ich denke trotzdem
An dich


(1998)

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NAHE 40
für Sylvia

Dünn und grau sind meine Haare
Sag mal, sind das schon die Jahre
In die ich komme mit dir
Und dein Schmerz herab vom Nacken
Bricht der schon die ersten Zacken
Aus deinem Silberpapier

Werden wir bald
Weise und alt
Nicht mehr so blind
Im Labyrinth

Du, das Kind geht seine Wege
In der Brust die Trommelschläge
Kennt noch kein Schulliederbuch
Taugen die verstauchten Flügel
Nach dem Sprung vom ersten Hügel
Auch für den zweiten Versuch

Werden wir bald
Weise und alt
Nicht mehr so blind
Im Labyrinth

Weißt du noch die alten Weisen
Die herüberwehn im leisen
Wind, waren irgendwann neu
Und jetzt kehrn die Verse wieder
All die totgesungnen Lieder
Warn uns die ganze Zeit treu

Werden wir bald
Weise und alt
Nicht mehr so blind
Im Labyrinth

Kennst du das, wenn sich die Alten
Zärtlich bei den Händen halten
Die fast ein Leben um gibt
Und ich streichle deinen Nacken
Und du übersiehst die Macken
Als wärn wir grade verliebt

Werden wir bald
Weise und alt
Im Labyrinth
Klug wie ein Kind


(1998)

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BARCELONA
für Mariel

Die Huren in der Rambla
Warten noch im Morgengraun
Der Tag ist jung und sie sind schon zu alt
Ein Lächeln ist gefroren
Und wird heute nicht mehr taun
Die Steine werden gar nicht richtig kalt

Wir stehen zwischen allem
Wie ein leises Ritornell
Mariel

Ein Kellner räumt die Stühle
Und die letzten Gäste fort
Ein Vogel, eine Frau wie von Miró
Columbus fragt nach einem
Fernen unbekannten Ort
Gitarren klingen wie ein Cembalo

Ich halt dich in den Händen
Wie ein zartes Aquarell
Mariel

Ich sing dir eine Strophe
Eine vage Melodie
Die Töne hat mir deine Haut geliehn
Du malst ein surreales
Bild in meine Phantasie
Auf einmal gibt es wieder Utopien

Und du steigst in ein Taxi
In Minuten wird es hell
Mariel


(1995)

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EIN LIED
für Martina

Wie wächst aus meinen Ängsten
Schon dein Mut
Wie wird in deinem Herzen
Was ich falsch mach, gut
Wie rettet dich im Fallen
Meine schwache Hand
Ich hol dich aus dem Knast und
Bin doch dein Mandant

Und ich forme dir ein Lied
Aus den Kurven deiner Brust
Und ich gieße dir ein Lied
Aus den Säften unsrer Lust
Und ich stehle dir ein Lied
Aus dem unbewohnten Haus
Und ich grabe dir ein Lied
Zwischen toten Träumen aus

Wie wächst aus deinen Ängsten
Schon mein Mut
Wie wird in meinem Herzen
Was du falsch machst, gut
Wie rettet mich im Fallen
Deine schwache Hand
Du öffnest mir den Mund und
Bist mein Informant

Und ich forme dir ein Lied
Aus den Kurven deiner Brust
Und ich gieße dir ein Lied
Aus den Säften unsrer Lust
Und ich stehle dir ein Lied
Aus dem unbewohnten Haus
Und ich grabe dir ein Lied
Zwischen toten Träumen aus


(1998)

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MARTINAS LIED

Noch einen Reaktorunfall könnt ich nicht ertragen
Nicht noch einen Neonazi mit Bezirksmandat
Nicht noch eine Liebe, die die Liebenden zerschlagen
Nicht noch einen Januskopf für Schule und privat

Noch ein ausgesetztes Baby könnt ich nicht verwinden
Nicht noch einen Flüchtlingstreck auf frisch vermintem Feld
Nicht noch zwei Versprochne, die nicht zueinander finden
Nicht noch einen Unbehausten ohne Schnaps und Geld

Wenn nicht deine Hand wär
Und nicht wie ein Strand wär
Wo ich stranden kann
Wenn nicht deine Hand wär
Und nicht wie ein Land wär
Wo ich landen kann

Noch ein abgefeimtes Lächeln könnte ich nicht schlucken
Nicht noch ein beschmiertes Grab, zerstört am Guten Ort
Nicht noch Tag für Tag Getretne, die sich nur noch ducken
Nicht noch einen Panzer für den Bürgerkriegsexport

Noch einen Gesinnungslumpen könnt ich nicht verkraften
Nicht noch eine tote Katze auf dem Bahnhofsplatz
Nicht noch eine Friedensfreundin, die die Flics verhaften
Nicht noch einen ausgesprochnen unbedachten Satz

Wenn nicht deine Hand wär
Und nicht wie ein Strand wär
Wo ich stranden kann
Wenn nicht deine Hand wär
Und nicht wie ein Land wär
Wo ich landen kann


(1999)

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19. LIEBESLIED
für Martina

Die Liebeshaltungskosten sind wieder gestiegen
Die letzten Sonderposten verramscht über Nacht
Die Händler überbieten einander im Fliegen
Die Mittellosen mieten ein Video auf Verdacht

Aber du kannst aus mir trinken
Ohne Kosten und Gebührn
Die verruchten Preise sinken
Schon im Schenken und Verführn

Die Küsse kosten wieder mehr gutes Betragen
Die kleinsten Einschlaflieder erwarten Profit
Die Himmel voller Geigen sind kaum noch zu haben
Die Zinsen übersteigen schon lange den Kredit

Du kannst dich mit mir bekleiden
Einzig für den Gotteslohn
Lieben ohne zu beneiden
Ist die schönste Subversion

Die Liebeshaltungskosten sind wieder gestiegen
Die letzten Sonderposten verramscht über Nacht
Verliebte überbieten einander im Kriegen
Die Mittellosen mieten ein Video auf Verdacht

Du kannst immer in mir wohnen
Ohne Miete, ohne Pacht
Meine Liebe muß nicht lohnen
Sie ist nur für dich gemacht


(2000)

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HIER, WO ICH LEBE

Ich eß wie du das ungereifte Obst
Die Erdbeern und die Kirschen im September
Das Kind kommt in die Schule im August
Und nicht wie du und ich noch im September
Ich schau schon nicht mehr nach den Dingen
Sondern nach den Markennamen in den Läden
Doch von den Songs, die meine Mutter mir von
Ihrer ABF Vermacht hat, weiß ich heut noch jeden

Hier, wo ich lebe, komm ich nicht mehr an
Und kann nicht gehn nach irgendwo
Nicht heut und irgendwann

Ich glaub schon manchmal, was der Kanzler glaubt
Und seine Innenaußenkriegsminister
Die Kunst, die dich ins Herz trifft und der größte
Schwachsinn sind inzwischen Stiefgeschwister
Ich kann schon hinter coolen Sprüchen
Meine Ahnungslosigkeiten gut verstecken
Doch weiß ich noch genau wie Vietnam siegte
Und wie Meldungen, wie die aus Chile, bitter schmecken

Hier, wo ich lebe, ...

Ich mach mir schon um die Patienten
Aus der Dienstagabendserie echte Sorgen
Und die Faschisten paradiern auf offner
Straße aus dem Gestern in das Morgen
Ich kauf wie du fürn bißchen Geld das Angebot
Das ich nicht brauch und nicht begehre
Doch Timur und sein Trupp und Robert Iswall
Aus der Aula komm' mir immer wieder in die Quere

Hier, wo ich lebe, ...

Ich rauch die Zigarettensorte aus der
Kinowerbung fast wie unausweichlich
Die Aktien stehen, wenn die Erde bebt
Auf all den Todesopfern unvergleichlich
Ich glaub wie du, ich weiß, was in der Welt
Passiert, wenn ich in meine Zeitung sehe
Und doch, die Träume der Commune, die mir mein
Vater anvertraut hat, parken noch ganz in der Nähe

Hier, wo ich lebe, komm ich nicht mehr an
Und kann nicht gehn nach irgendwo
Nicht heut und irgendwann


(2001)

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DAS PROBLEM
Bitte an Martina

Nicht, daß wir essen, wo andere darben
Nicht, daß die Wunden, die nie mehr vernarben
Einfach durch Zufall nicht unsere sind
Nicht, daß wir feiern, wo andere sterben
Nicht, daß uns selbst noch ein Haufen von Scherben
Glück bringt, wo andere mittellos sind

Nur, daß wir darüber die Träume vergessen
Und kleinlich die Welt wie ein Grundstück vermessen
Und Neid und Besitzgier in Liebe umlügen
Und in unsren Grenzen uns selber genügen
- Wenn ich es bin: Nimm es nicht hin -

Nicht, daß wir schlafen, wo andere fliehen
Nicht, daß wir höchstens vor Fotografien
Ahnen, was Elend und Selbstachtung sind
Nicht, daß wir schweigen, wo andere schreien
Nicht, daß wir uns jede Schwäche verzeihen
Und unsre Sorgen die dringlichsten sind

Nur, daß wir darüber die Träume vergessen
Und kleinlich die Welt wie ein Grundstück vermessen
Und Neid und Besitzgier in Liebe umlügen
Und in unsren Grenzen uns selber genügen
- Wenn ich es bin: Nimm es nicht hin -


(2002)

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NOVEMBER
für Martina

Jetzt wird es auch im Bett so schnell nicht warm
Wenn du nicht da bist unter meiner Decke
Ich seh, daß ich die Zehen irgendwie
Im Umschlag meines Bettbezugs verstecke

Ich greif nach dir und weiß, du bist nicht da
Ich könnt mich schön an deinem Körper reiben
Und alle Nebel eines ganzen Tags
Und dieses stete Frösteln leicht vertreiben

Ich forme deine Brüste und den Bauch
Mit meinen klammen Händen in die Kissen
Und denk, du wirst im selben Augenblick
Erschauern und von meiner Sehnsucht wissen

Ein trüber Monat nimmt mich bei der Hand
Ich friere ohne dich in diesem Land


(2001)

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ZUHAUS
für Martina

Du machst mich an
Jetzt schalt mich bloß nicht wieder aus
Ich laß dich ran
Komm näher. Hier ist ein Zuhaus

Ich borg dir meine Bücher aus der Kinderzeit
Ich zeig dir Verse meiner Unbeholfenheit
Ich spiel dir Platten meiner ersten Lieblingsband
Ich zeig dir Bilder aus dem zweiten Happyend

Ich zeig dir meine Narben, die man gar nicht sieht
Da hängt ein halbes Leben nur an einem Lied
Ich teil dir meine abgeschabten Utopien
Die dich erhöhen ohne dich herabzuziehn

Du machst mich an
Jetzt schalt mich bloß nicht wieder aus
Ich laß dich ran
Komm näher. Hier ist ein Zuhaus

Ich bete für den Sohn und jedes Sakrileg
Ich trau mich aus dem Licht und trau dir übern Weg
Ich bin von dünner Haut ganz wie ein Komödiant
Ich geb mich ohne Sicherung in deine Hand

Du machst mich an
Jetzt schalt mich bloß nicht wieder aus
Ich laß dich ran
Komm näher. Hier ist ein Zuhaus


(1999)

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ÉLÉGIE À PARIS
für Martina

Wunderst du dich auch am Telefon
Wenn du anrufst aus der Stadt Paris
Über diesen makellosen Ton

In der Leitung, als wärst du nicht dort
Auf den Spurn von "Le Temps des Cerises"
Und ich wär nicht hier am alten Ort

Sag mal, ob die Kirschen noch mal blühn
Ob sie reifen für die Erntezeit
In den alten Träumen der Commune

Na, das war ja nur ein Liebeslied
Von der Liebe Glück und Herzensleid
Wenn man einfach auf die Worte sieht

Und war doch ein Lied der Rebellion
Die nichts andres als die Liebe ist
Eine unheilbare Infektion

Und hält uns das Rot der Kirschen fest
Wie ein unbestechlicher Chronist
Daß es sich nicht unterkriegen läßt

Wenn du anrufst aus der Stadt Paris
Denk ich manchmal noch am Telefon
An das alte "Le Temps des Cerises"

Und ich hab dich lieb, ich bin dir nah
Daher kommt der makellose Ton
So als wärst du da, d.h. nicht da


(2000)

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EIN ZEICHEN

Natürlich hab ich Angst vor Baseballschlägern
Hab Angst um jeden, der kein Holzkopf ist
Natürlich hab ich Angst vor Menschenjägern
Vor Marschkolonnen und vor Fackelträgern
Natürlich bin ich nur ein Gitarrist

Und was hast du
Wie könnte ich dich nennen
Gib mir ein Zeichen
Laß mich dich erkennen

Natürlich trau ich keinen Sonntagsreden
Den Lichterketten der Demokratur
Natürlich trau ich keinem, der die Schäden
Bedauert und zieht selber an den Fäden
Natürlich bin ich nur ein Troubadour

Und wem traust du
Wie könnte ich dich nennen
Gib mir ein Zeichen
Laß mich dich erkennen

Natürlich lieg ich wach im Schein der Brände
Im Schrei der Opfer unterm Sonnenrad
Natürlich träum ich: Nun in eins die Hände
Und baue in Gedanken Unterstände
Natürlich bin ich nur ein Literat

Und wer bist du
Wie könnte ich dich nennen
Gib mir ein Zeichen
Laß mich dich erkennen


(2000)

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TRIBUT
für Martina

Glaube an dich
Unweigerlich
Dann kann dein Traum nicht verfliegen
Jetzt geh nicht fort
Du bist der Ort
Um endlich nicht mehr zu siegen
Ich lade dich zum Bankett
Aus jenen Wundern des
Jesus von Nazaret
Glaube an dich
Unweigerlich

Mal mir ein Bild
Zärtlich und wild
Dann kann das Licht nicht verblassen
Irgendwo hier
Lern ich mit dir
Noch stärker lieben als hassen
Und jeder bunte Kristall
Wächst aus der Farbenwelt
Des Malers Marc Chagall
Mal mir ein Bild
Zärtlich und wild

Nimm dieses Lied
Wie es geschieht
Dann kann der Tag nicht verstreichen
Im Augenblick
Trifft das Geschick
Uns wirklich gleich unter Gleichen
Und was ich fühlte und sah
Brach aus den Tönen von
Jarek Nohavica
Nimm dieses Lied
Wie es geschieht

(2001)

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VIELLEICHT
für Martina

Vielleicht bleibt uns das alles ja erspart
Das Hexenmal aus Haß und Gier
Der Neid als blinder Passagier
Die würdelosen Szenen jeder Art
Vielleicht bleibt uns das alles erspart
Die Angst vor einem falschen Wort
Die Schmerzenstöne im Akkord
Die Eifersüchteleien à la carte
Vielleicht bleibt uns das alles ja erspart

Das kann doch sein, sage ich
Und du sagst, muß aber nich’
Wie so zum Spaß und ich lach
Komm Liebe und mach mich schwach

Vielleicht bleibt uns das alles ja erspart
Das absichtsvolle Mißverstehn
Die Traurigkeiten aus Versehn
Die Abgestumpftheit unsrer Gegenwart
Vielleicht bleibt uns das alles ja erspart
Das heißt, du wärst für mich geborn
Die Zeit geht plötzlich nicht verlorn
Und ich bin morgen noch in dich vernarrt
Vielleicht bleibt uns der Himmel nicht erspart

Das kann doch sein, sage ich
Und du sagst, muß aber nich’
Wie so zum Spaß und ich lach
Die bittren Glückstränen ... ach


(2000)

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ZWEI IN BARCELONA
für Martina und Mariel

Du läufst jetzt durch fremde Straßen
Wo ich jene Schöne liebte
Weil ein Vers von Benedetti
Schamlos sich als Kuppler übte

Auf dem Pressefest der Träumer
Sturen, Spinner, Utopisten
Wo wir zwischen roten Fahnen
Unser Liebesbanner hißten

Du schaust jetzt die Kleckerburgen
Von Gaudí mit Zuckertürmchen
Und vernaschst im Straßencafé
So ein Waffeleis mit Schirmchen

Auf der Rambla, wo sich alle
Wege finden oder trennen
Lauft ihr zwei euch in die Arme
Und ihr könnt euch nicht erkennen

Ich sitz hier. In naher Ferne
Sehe ich in den Gedanken
Dich in ihr und sie in dir und
Schön gerät mein Vers ins Wanken

Auf den Fotos sprichst du später
Mir genau von diesen Dingen
Und der Dichter Benedetti
Weiß davon ein Lied zu singen

(2000)

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WAS SIE SAGEN
für Martina

Immer wieder sagst du, es ist schön
Schöner noch als du’s vermuten solltest
Wie ein dauerhaftes Phänomen
Ist es grad, wie du’s im Grunde wolltest

Immer wieder siehst du um dich her
Wie die Freunde auseinanderlaufen
Oder sich so arg verletzt nur schwer
Unter Qualen noch zusammenraufen

Du, ich liebe dich
Das ist das, was alle sagen
Und wie jämmerlich
Sind die Worte angeschlagen
Aber zögerlich
In den ungeahnten Tagen
Werden sie durch dich
Wieder meinen, was sie sagen

Immer wieder triffst du auch auf zwei
Die sich in den Ängsten arrangieren
Oder die im blassen Einerlei
Ihren allerbesten Traum verlieren

Immer wieder denkst du, daß ein Gott
Grade uns erwählt hat für ein Leben
Durch ein himmlisch/irdisches Komplott
Doch ein Beispiel für das Glück zu geben

Du, ich liebe dich
Das ist das, was alle sagen
Und wie jämmerlich
Sind die Worte angeschlagen
Aber zögerlich
In den ungeahnten Tagen
Werden sie durch dich
Wieder meinen, was sie sagen

(2001)

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NEUJAHRSLIED (salade érotique)
für Martina

Das ist die Zeit der Obstsalate
Riecht noch nach Weihnachten, das macht der Zimt
Früchte wie Stimmen in einer Kantate
Einzeln geborn, für ein Ganzes bestimmt

Das ist die Zeit der Obstsalate
Ende und Anfang der Jahreskadenz
Zeit der Besinnung in einer Fermate
Und ein Dacapo in einer Sequenz

Ich schäl Orangen und du die Bananen
Ich schneide Äpfel und Nüsse knackst du
Zuckerrohrschnaps und den Saft der Limonen
Geb ich und du gibst Rosinen dazu

Das ist die Zeit der Obstsalate
Ende und Anfang der Jahreskadenz
Zeit der Besinnung in einer Fermate
Und ein Dacapo in einer Sequenz

Ich stell die Schale ins kühlere Zimmer
Obenauf Zuckerkristall, zweierlei
Bis sich die Säfte der Früchte vermischen
Und du denkst an was ganz andres dabei

Das ist die Zeit der Obstsalate
Riecht noch nach Weihnachten, das macht der Zimt
Früchte wie Stimmen in einer Kantate
Einzeln geborn, für ein Ganzes bestimmt

(2000)

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GENAU WIE DU
für Martina

Tja, ich bin genau wie du
D.h. schlechter nicht, nicht besser
Auch der große Manitu
Ist ein übler Menschenfresser

Und ich bin genau wie du
D.h. weicher nicht, nicht härter
Manchmal bin ich nahezu
Deinem Licht ein Leuchtturmwärter

Tja, ich bin genau wie du
D.h. schwächer nicht, nicht stärker
Unser armseligster Coup
Sind die selbstgewählten Kerker

Und ich bin genau wie du
D.h. eitler nicht, nicht schlichter
Mal mich nackt und im Dessous
Deinen schönsten Liederdichter

Tja, ich bin genau wie du
D.h. feiger nicht, nicht kühner
Übern bunten Kakadu
Lachen grade noch die Hühner

Und ich bin genau wie du
D.h. ärmer nicht, nicht reicher
Unser kleinstes Rendezvous
Füllt den großen Lebensspeicher

Tja, ich bin genau wie du
D.h. lauter nicht, nicht leiser
Jedes eiserne Tabu
Macht mich etwas naseweiser

Und ich bin genau wie du
D.h. trüber nicht, nicht heitrer
Unsre abgelaufnen Schuh‘
Taugen für die Himmelsleiter

(2000)

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LIED
für Karin

Liebes, stiehl dir etwas Zeit
Ich bin schon so abgehetzt
Und wir jagen uns so weit
Bis wir fremde sind zuletzt
Liebes, stiehl dir etwas Zeit
Und mich laß nicht im Stich
Laß alles warten
Nur nicht mich

Liebes, bleib noch diese Nacht
Ich hab dich schon längst verlorn
Du hast alles kühl bedacht
Und ich krieg noch rote Ohrn
Liebes, bleib noch diese Nacht
Heut laß mich nicht im Stich
Laß alle warten
Nur nicht mich

Liebes, schlaf jetzt noch nicht ein
Ich bin müder noch als müd
Wenn du schläfst, bin ich allein
Und ich weiß nicht, was uns blüht
Liebes, schlaf jetz noch nicht ein
Und mich laß nicht im Stich
Den Schlaf laß warten
Nur nicht mich

Liebes, stiehl uns etwas Zeit
Ich bin schon so abgehetzt
Und sie jagen uns so weit
Bis wir Fremde sind zuletzt
Liebes, stiehl uns etwas Zeit
Und mich laß nicht im Stich
Laß alles warten
Nur nicht mich

(1992)

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WIE DAS GEHT
für Petra

Plötzlich sah es aus
Als bräuchte keiner mehr mein Lied
Das ich aus ’ner Rippe
Wie die erste Frau gemacht
Plötzlich klang es so
Als hätten die, die ich geliebt
Mich vielleicht schon gestern
Voller Nachsicht ausgelacht

Plötzlich sah es aus
Als bräuchte keiner mehr mein Wort
Das hat mir ein Kind
Das noch geboren wird, vermacht
Plötzlich schien es so
Als hätten Träume keinen Ort
Als wär dieses Leben
Schon zu Ende ausgedacht

Doch da bist du
Und du brauchst mich
Und das ist schön
Schwer zu tragen
Schwer zu sagen
Wie das geht

Plötzlich sah es aus
Als bräuchte keiner mehr mein Lied
Plötzlich schien mein Wort
Von andern Worten übertönt
Plötzlich war es so
Als gäbe keiner mehr Kredit
Für die Don Quijotes
Und ich war schon fast entwöhnt

Doch da bist du
Und du brauchst mich
Und das ist schön
Schwer zu tragen
Schwer zu sagen
Wie das geht

(1996)

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ANNA CLARA


Wieder ein Grund für das Leben
Wieder ein Grund für den Mai
Wieder ein Grund, um zu geben
Wieder ein Grund für zwei

Wieder ein Grund, um zu leben
Wieder ein Grund für ein Zelt
Wieder ein Grund, um zu geben
Ein Grund für die Welt

Die Bäume verlieren die Blätter
Und ich verlier langsam mein Haar
Am sichersten ist noch das Wetter
Das auch nicht mehr ist, was es war
Wir helfen uns über die Berge
Wir sind miteinander noch selten allein
Wir glauben an Riesen und Zwerge
Du kannst schon gespannt auf uns sein

Wieder ein Grund für das Leben
Wieder ein Grund für den Mai
Wieder ein Grund, um zu geben
Wieder ein Grund für zwei

Die Straßen verlieren die Namen
Und ich verlier kopflos mein Herz
Das Fernsehbild fällt aus dem Rahmen
Und jeder glaubt an einen Scherz
Wir halten uns noch bei den Händen
Wir nützen uns öfter noch als wir uns quäln
Wir wollen dein Schrein in den Wänden
Wir hab’n dir so viel zu erzähln

Wieder ein Grund, um zu leben
Wieder ein Grund für ein Zelt
Wieder ein Grund, um zu geben
Ein Grund für die Welt

(1995)

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17:38
für Martina

Ich hab mein halbes Leben schon verbracht
Und du stehst grade an der Schwelle
Ich habe meine Fehler schon gemacht
Und dich erwischt die erste Welle

Ich habe schon zwei Kinder wachsen sehn
Und mehr als eine Lieb verderben
Du lernst gerade auf den Händen gehn
Und hast noch Leim für alle Scherben

Und jetzt werd ich nicht mehr älter
Und jetzt dreht sich alles um
Und die Tage werden wieder länger
Und die Nächte sind nicht mehr so stumm

Ich zähl die Tage, bis es wärmer wird
Und du die Stunden der Begierde
Ich hab mich in den Zeichen längst verirrt
Und du bist ihre schönste Zierde

Ich bin ein Kind mit all den weisen Jahrn
Bis sich die Jahreszeiten neigen
Du mußt noch selbst, was ich schon weiß, erfahrn
Und mir noch, was ich nicht weiß, geigen

Und jetzt werd ich nicht mehr älter
Und jetzt dreht sich alles um
Und die Tage werden wieder länger
Und die Nächte sind nicht mehr so stumm

Ich weiß noch nicht, wo meine Heimat ist
In welchem Landstrich deiner Augen
Du weißt noch nicht so sicher, wer du bist
Und wozu unsre Träume taugen

Ich hab mein halbes Leben schon verbracht
Und du stehst grade an der Schwelle
Ich habe meine Fehler schon gemacht
Und dich erwischt die erste Welle

Und jetzt werd ich nicht mehr älter
Und jetzt dreht sich alles um
Und die Tage werden wieder länger
Und die Nächte sind nicht mehr so stumm

(1998)

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MANDELAUGENZIGARETTENMÄDCHEN


Zwischen Untergrund- und Stadtbahn
Zigarettenstand aus Pappmaché
Fremde Sorten, fremdes Mädchen
Zwischen fremden auf der Stadtallee
Camel, Marlboro, Astoria
Lucky Strike und Peter Stuyvesant
Freiheitstraum in Tabakschachteln
Aber keiner glaubt so recht daran
Mandelaugenzigarettenmädchen

Zwischen Untergrund- und Stadtbahn
Zwischen Zuflucht und Verlassenheit
Zwischen schiefen bösen Blicken
Zwischen Worten voller Haß und Streit
Camel, Marlboro, Astoria
Lucky Strike und Peter Stuyvesant
Höflich, freundlich und bescheiden
Immer mit dem Rücken an der Wand
Mandelaugenzigarettenmädchen

Zwischen Untergrund- und Stadtbahn
Zwischen Ost und West und aller Welt
Zwischen Heimweh und Vergessen
Zwischen alle Fronten hingestellt
Camel, Marlboro, Astoria
Lucky Strike und Peter Stuyvesant
Für den Irrtum von Sekunden
Spür ich deine Hand an meiner Hand
Mandelaugenzigarettenmädchen

(1991)

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KLEINES LIED
für Galeano

Ins Land der Zukunft führt
Mich Eduardo frei
Ist dort die Liebe un-
Bekannt das Eigentum
Privater Hand mein Lieb
Ich hab dich dort gesehn
Und nicht erkannt so weit
Entfernt im Gestern liegt
Dies Land


(1993)

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KEINE VERLIERER
für Martina

Keine Verlierer mehr
In der Liebe
Keine Taktik, keine Strategie
Für einen Sieg
Keine Feinde mehr
In der Liebe
Und kein Krieg

Schlechte Zeiten
Für Erpresser und Spione
Für private Detektive
Für die Seelenpolizei
Schlechte Zeiten
Für Verzweifler zweifelsohne
Nur nicht für die Hexerei

Gute Zeiten
Für Verrückte und Extreme
Für verträumte Anarchisten
Für die Kinder der Magie
Gute Zeiten
Für Poeten und Poeme
Nur nicht für die Psychiatrie

Keine Verlierer mehr
In der Liebe
Keine Taktik, keine Strategie
Für einen Sieg
Keine Feinde mehr
In der Liebe
Und kein Krieg

(1996)

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GERARDO
für Martina

Der Geliebte meiner Freundin
Legt sich nachts an meine Seite
Kommt für Stunden mich besuchen
Von Havanna übers Meer
Läßt mich nicht mehr richtig schlafen
Schon seit tagen. Wie das zweite
Ich erscheint er, daß ich fürchte
Das ich liebe so wie er

Der Geliebte meiner Freundin
Trägt in seinen Händen Zeichen
Ihres leis erregten Körpers
Wie ein Glücksmal, so wie ich
Und das Lächeln seiner Augen
Seh ich meinem Lächeln gleichen
Wenn in maßlosen Momenten
Bäche stürzen über mich

Der Geliebte meiner Freundin
Muß mich auf die Probe stellen
Kommt, die Träume einzufordern
Die verschlissnen Utopien
Daß sich Menschen nicht gehören
Sondern sich so beigesellen
Daß geteiltes Glück nur Glück ist
Im Verbund der Harmonien

Der Geliebte meiner Freundin
Legt sich nachts an meine Seite
Und geht erst im Morgengrauen
Nach Havanna übers Meer
Läßt mich eine Stunde schlafen
Ich ertrinke in der Breite
Des verlassnen Betts. Ich fürchte
Und ich liebe so wie er

(2003)

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AUF DER STRASSE
für Martina

Und ich suche dein Gesicht
Auf der Straße dieser Tage
Zwischen Antikriegsplakaten
Vor der Universität
Und ein junges Mädchen reicht
Mir ein Infoblatt zur Lage
Und will mit mir diskutieren
Was im Text geschrieben steht

Und ich suche deinen Schritt
Auf der Straße Untern Linden
Zwischen Friedensaktivisten
Vor dem großen Transparent
Neben mir ein kleines Kind
Muß sich seine Schuhe binden
Und schon sind wir zwei Gefährten
Keiner, der den andern kennt

Und ich suche deinen Ton
Auf der Straße in den Chören
Zwischen abertausend Stimmen
Vor dem US-Botschaftshaus
Und ein altvertrautes Lied
Ist jetzt wieder neu zu hören
Und ich sammle alle Strophen
Leicht aus dem Gedächtnis raus

Und ich suche deine Hand
Auf der Straße im Gedränge
Zwischen all den Demonstranten
Vor dem Brandenburger Tor
Und ein blauer Luftballon
Steigt zum Himmel aus der Menge
Wenn er wiederkehrt zur Erde
Find ich, was ich grad verlor

(2003)

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ICH SUCHE DICH
für Martina

So viele Kriege für den einzig waren Glauben
So viele Götter, die vom Lobgesang ertauben
So wenig Anmut zwischen all den Daumenschrauben
Und du bist einfach fort mit unsrem Zauberwort

So viele Wunden ohne heilende Verbände
So viele blasse Tränen gegen Flächenbrände
So wenig Zukunft zwischen Anbeginn und Ende
Und du bist lange fort mit unsrem Zauberwort

Ich suche dich, verfluche dich
An jedem Platz, wo du nicht bist
Ich suche dich, verfluche dich
Für jeden Satz, den du vergißt

So viele Worte, die nicht meinen, was sie sagen
So viele Lieder, die die Wahrheit nicht ertragen
So wenig Freude zwischen all dem Unbehagen
Und du bist einfach fort mit unsrem Zauberwort

So viele Lügen für ein zweifelhaftes Leben
So viele Traumgebilde, um nicht aufzugeben
So wenig Dauerhaftes zwischen jetzt und eben
Und du bist lange fort mit unsrem Zauberwort

Ich suche dich, verfluche dich
An jedem Platz, wo du nicht bist
Ich suche dich, verfluche dich
Für jeden Satz, den du vergißt

(2003)

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OHNE KLAREN KOPF
für Susanne

Die Spinner sterben aus, mein Schatz
Die sanften Wolkenschieber
Die Leser aus dem Kaffeesatz
Die Don Juans im Fieber

Jetzt wird es trostlos um uns her
Komm unter meine Decke
Aus Hirngespinst und Poesie
Daß ich uns gut verstecke
Bevor noch eine Nüchternheit
Mit teilnahmslosen Klauen
Uns packt, bis uns die Luft wegbleibt
In gottverlassnem Grauen

Die Spinner sterben aus, mein Lieb
Die zärtlichen Phantasten
Der Träumer und der Herzensdieb
Die immer Bestgehaßten

Jetzt wird es eisig um uns her
Komm, brau uns aus den Säften
Der Liebe einen Zaubertrank
So kommen wir zu Kräften
So wird uns warm, bevor uns noch
Die Herzen schlimm versteinern
Und uns die Neider jede Lust
In Pulverschnee zerkleinern

Die Spinner sterben aus, mein Herz
Die wundersam Verrückten
Die Lautenschläger des Konzerts
Die ganz im Rausch Verzückten

Jetzt wird es tödlich um uns her
Doch noch sind wir am Leben
Noch kann ich dir mit einem Lied
Die Hoffnung wiedergeben
Komm, laß uns ohne klaren Kopf
Im anderen verschwinden
Dann können uns die Richter nicht
Noch ihre Häscher finden

(2003)

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JETZT
für Susanne

Jetzt hab keine Angst, ich bring dich
Durch die Stürme dieser Stadt
Aus den Funkelsternen sing ich
Dir ein Lied auf’s Schulterblatt

Jede kleine Grausamkeit, die
So beharrlich an dir nagt
Küsse ich dir in den Nächten
Aus den Häuten bis es tagt

Jetzt hab keine Angst, ich führ dich
Durch die Zähren dieser Zeit
Sieben Wunderdinge spür ich
Auf in deinem Morgenkleid

Jede große Seelenqual, die
So beharrlich an dir frißt
Streichle ich dir aus den Tagen
Bis du neu geboren bist

Jetzt hab keine Angst, ich trag dich
Durch die Wirren dieser Welt
All die Schreckgespenster schlag ich
Unsrer Liebe aus dem Feld

(2003)

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HALBE EWIGKEIT
für Susanne

Du bist so lange fort, nur ein paar Tage
Verreist, für eine halbe Ewigkeit
In aller Welt verschlimmert sich die Lage
Und ich versinke schön im Selbstmitleid

Und Marcos streitet mit Señor Durito
Um eine Formulierung, um ein Wort
In Caracas, Santiago oder Quito
Erträumt ein Kind sich einen Zufluchtsort

Wie ich. Du sitzt in Dresden an der Elbe
Dein Handy zeigt nicht eine Reaktion
Natürlich ist das lange nicht dasselbe
Das weiß ich auch, doch was besagt das schon

Wenn ein Gedicht von Mario Benedetti
Geflüstert in die Ohren einer Frau
Den Himmel färbt wie Berge von Konfetti
Und Träume wachsen läßt aus tiefstem Grau

Wie du in mir. Wie sollte ich da scheiden
Die Sehnsucht nach der Liebsten von der Not
Der vielen dieser Welt, die mich beneiden
Vielleicht um meine Sorgen wie mein Brot

Du bist so lange fort, nur ein paar Tage
Verreist, für eine halbe Ewigkeit
Es geht mir gut, natürlich, keine Frage
Komm schnell zurück in unsre Lebenszeit

(2000)

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IN EILE
für Susanne

’s war kaum die Zeit, dich gründlich zu verführen
Wir nahmen uns gehetzt die Kleider fort
Um uns für den Moment in eins zu spüren
Bedroht von einem nahen Schlußakkord

So kamst du über mich wie rasche Schauer
Ich trug dich gut und gern auf meinem Pfahl
- geschickte Reiterin für kurzer Dauer -
Und deine Glocken schlugen siebenmal

Bis ich in dir erstarb zu andrem Leben
Das längst nach festgefügten Formeln lief
Für Augenblicke war uns freigegeben
Als wir uns nahmen und das Schicksal schlief

(2004)

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SOMETHING FOR SUSANNE


Ich bin zu dir aus gnadenloser Wirklichkeit geflohen
Du hast mich in dir aufgenommen ohne Vorbehalt
Als ob nicht meine Ängste dich auf gleiche Art bedrohen
Als hättest du das Leben und dich selbst in der Gewalt

Du hast zu deinem Kummer auch noch meinen Schmerz getragen
Die Hoffnung, die du selbst nicht hattest, hast du mir geschenkt
Dein Kleinmut hat mir letztlich nicht gestattet zu verzagen
Und mich von meinem Abgrund mit Bestimmtheit fortgelenkt

Wer weiß, mit wem die Götter über unser Los verhandeln
Zwei blinde Passagiere springen auf den Lebenszug
Ich will dir meine Schwäche noch in Zauberkraft verwandeln
Für das, was ich dir schulde wär das Beste nicht genug

(2004)

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WIEDER


Wieder ziehen sie in Kriege
Für den einen Gott
Der hat viele Namen auf den
Wegen zum Schafott

Wieder schreien sie nach Rache
Rache bis aufs Blut
Gute rüsten gegen Böse
Aber wer ist gut

Wer im Kugelhagel stirbt, ist
Aller Ehren wert
Wer vor Hunger sterben muß, stirbt
Durch das gleiche Schwert

Wer das Geld für Waffen hat, ist
Plötzlich auch im Recht
Alles Schlechte auszumerzen
Aber wer ist schlecht

(2001)

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WAS ICH GEKONNT
für Martina

Wohin soll ich mich nun flüchten
Krieg zieht auf am Horizont
Und ich hab mit den Gedichten
Schon getan, was ich gekonnt

Kann nicht mehr die Menschheit retten
Vor der großen Barbarei
Eins zu tausend stehn die Wetten
Ohne deine Zauberei

Du gehst fort, der Krieg kommt näher
Bis vor meine Tür vielleicht
Und in allem hab ich eher
Was ich glaubte, nicht erreicht

Kann nicht mehr in deinen Häuten
Meine Angst verstecken und
Letzte Hoffnungszeichen deuten
Ohne deinen Kuß im Mund

Sag mal, ist das jetzt das Ende
Meins und deins und das der Welt
Ringsum nagen schon die Brände
Und ich bin kein großer Held

Kann nicht mehr die Fahne halten
Mit dem Rücken an der Wand
Und ich muß die Hände falten
Ohne dich an meiner Hand

Wohin soll ich mich nun flüchten
Krieg zieht auf am Horizont
Und ich hab mit den Gedichten
Schon getan, was ich gekonnt

(2002)

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SCHADE
für Martina

Schade, daß ich nicht mehr der bin
Der dich trösten kann
Immer, wenn der Weltschmerz
Mit Tentakeln nach dir greift
Doch im nächsten Leben
Kommt es wieder auf mich an
Und ich heil dich schon
Mit einem Lächeln, das dich streift

Und solange brauchst du
Einen brauchbaren Ersatz
Der dir so wie ich die Tränen
Aus den Kissen singt
Oder flüstert oder pustet
Mein verlorner Schatz
Einen, dem das Kunststück
Ganz genau wie mir gelingt

Schade, daß ich nicht mehr der bin
Der dich schützen kann
Immer, wenn die Welle
Aus Verachtung nach dir greift
Doch vielleicht kommts schneller
Als ich denke, auf mich an
Und ich heil dich flugs
Mit einem Lächeln, das dich streift

Und solange übernimmt
Ein anderer mein Amt
Und ich hoff, er macht es gut
Und hält dich warm und fest
Und wenn nicht, wird er
In alle Ewigkeit verdammt
Und für alle Zeit verbannt
Aus deinem Liebesnest

Schade, daß ich nicht mehr der bin
Der dich retten kann
Immer, wenn der Drache
Der Verzweiflung nach dir greift
Doch, kann sein, schon morgen
Kommt es wieder auf mich an
Und ich heil dich leicht
Mit einem Lächeln, das dich streift

(2004)

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DIE IDEE
für Martina

Du schwimmst durch die Zeilen des Buchs, das ich lese
Du bist in das Garn meines Handtuchs gewirkt
Du blühst in Arznein, wenn ich arglos genese
Du bist die Idee, die sich in meinen Zweifeln verbirgt

Du schwebst in den Düften des Mahls, das ich koche
Du bist in den Klang aller Lieder erstreckt
Du wohnst hinter Türen, an die ich noch poche
Du bist die Idee, die sich in meinen Zweifeln versteckt

Du tanzt durch die Spuren des Wegs, den ich gehe
Du bist in den Dunst meines Lakens verklebt
Du spielst eine Rolle im Film, den ich sehe
Du bist die Idee, die sich in meinen Zweifeln vergräbt

Du fliegst durch die Schwaden des Joints, den ich rauche
Du bist in den Grund meines Zimmers gepflanzt
Du lebst, weil ich liebe und weil ich dich brauche
Du bist die Idee, die sich in meinen Zweifeln verschanzt

(2004)

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BLASSER MORGEN
für Gundi

Und an jenem blassen Morgen
Waren meine kleinen Sorgen
Grade wieder größer als die Welt
Und die Liebste in der Leitung
Sagte, was ich in der Zeitung
Noch nicht lesen wollte, wie verstellt

Und ich weiß nicht
Ob ich noch springen kann
Bis an eine Kehle


Und ich küßte durch das Kabel
Meine Liebste auf den Schnabel
Und im Radio glomm das grüne Licht
Und ich tippte durch die Bänder
Doch die programmierten Sender
Spielten grade deine Lieder nicht

Und ich weiß nicht
Ob ich noch singen kann
Bis in eine Seele


Hast dich hingelegt zum Liegen
Nur zum Ausruhn von den Siegen
Von den Kriegen, hab ich noch gedacht
Hast dich, ohne was zu sagen
Einfach aus dem Feld geschlagen
Aber das war so nicht abgemacht

Und ich weiß nicht
Ob ich noch springen kann
Bis an eine Kehle


Und an jenem blassen Morgen
Schrumpften meine großen Sorgen
So, daß ich sie fast ertragen kann
Und die Liebste an der Strippe
Küßte fern auf meine Lippe
Und sie sagte: Ich glaub noch nicht dran

Und ich weiß nicht
Ob ich noch singen kann
Bis in eine Seele



(1998)

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NACH DEM KONZERT
für Martina

Der Bus war weg nach dem Konzert
Du hattest noch den Raï in den Beinen
Und ich im Ohr, ein fremdes Lied
Schwebte mit uns knapp über den Steinen
Gab uns Asyl in dieser Nacht
Schlug unterm Mond die lustigsten Haken
Und kein Gespenst machte uns Angst
Auf unserm Weg bis hin in die Laken
Nach dem Konzert

Der Bus war weg in einer Stadt
Fern irgendwo, ganz dicht bei uns beiden
Schreie im Ohr - ein fremdes Lied -
Stürzte ein Mensch in tödliche Schneiden
War kein Asyl in dieser Nacht
Kein Doppelpaß aus diesem Verderben
Und du und ich, Kinder wie wir
Bargen den Raï aus blutigen Scherben
Nach dem Konzert

(1999)

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ALLES WAS ICH KANN
für Susanne

Ich mach alles, was du willst
Alles, was ich kann
Bin dein allerbester Freund
Wenn du willst, dein Mann

Dein Beschützer, dein Verführer
Hausaufgabenkontrollierer
Rückenkrabbler, Bauchspazierer
Brechtgedichtinterpretierer

Dein Gedankeninhalierer
Weltschmerzdiagnostizierer
Küsseindiestirngravierer
Märchenweltenkonzipierer

Dein Verrücktheitsinspirierer
Wolkenschweber, Phantasierer
Möpsestreichler und –jonglierer
Kummerteiler und –halbierer

Dein Erquickungsofferierer
Liebesversedeklamierer
Schambehaarungsshampoonierer
Und Durchdickunddünnmarschierer

Ich mach alles, was du willst
Alles, was ich kann
Bin dein allerbester Freund
Wenn du willst
Mach ich alles, was ich kann
Wenn du willst
Bin ich auch dein Mann

(2003)

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ZERRISSENES HERZ
für Susanne

Und weißt du, ich krieg noch ’n Kuchen von dir
Den hast du mir lange versprochen
Und Bohnen mit Maniok und Reis wollt ich hier
Auf Erden noch mal für dich kochen

Nicht irgend im Himmel, wer weiß denn, ob dort
Ein Tisch steht zur fröhlichen Sause
Vielleicht ist die Erde der einzige Ort
Ein notdürftig vages Zuhause

Und weißt du, wir wollten nach Petersburg fahrn
In die Stadt mit den wechselnden Namen
Um am Ufer der Njewa aus unsern Gitarrn
Die Lieder von Dolski zu kramen

Wer weiß denn, ob oben der himmlische Chor
So sattelfest ist in den Zeilen
An die wir hier unten die Unschuld verlorn
Kein Engel kann das mit dir teilen

Und weißt du, ich hab schon ein Weihnachtsgeschenk
Gekauft längst für dich im September
In einem besondren Papier und ich denk
Das wird dir gefalln im Dezember

Wir zünden nachmittags die Kerzen schon an
Die Gasflamme brennt in der Therme
Das Leben wird wieder geboren und dann
Braucht’s doch eine Krippe und Wärme

(2003)

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KLEINE BALLADE

Der Zug fuhr ab von Bahnhof-Schönefeld
Man riß die Fenster auf gegen das Schwitzen
Und Leute waren in den Gang gestellt
Wir aber hatten Glück und konnten sitzen

Ich sage wir und meine dich und mich
Die wir uns auf der schmalen Sitzbank trafen
Wir saßen jeder mäuschenstill für sich
Und schauten raus, es war zu warm zum Schlafen

Die eine Wiese sah wie alle aus
Wir nahmen je ein Buch aus unsern Taschen
Ich kriegte, was du lasest, nicht heraus
Das Gegenüber kam mit ein paar Flaschen

Wir schalteten den Rummel um uns ab
Wie gleichzeitig an einer Schnur gezogen
Du sahst auf dein, ich auf mein Buch herab
Wir rührten an uns mit den Ellenbogen

Dein Arm war leis, und sagte du bist da
Kein Schaffner wollte einen Fahrschein lochen
Ich wußte dich und war dir freundlich nah
Nur kurz vom Seitenblättern unterbrochen

Der Zug hielt pünktlich. Eine Sensation
Ich schob mich tapfer in die Ausstiegsenge
Du bliebst, kann sein, bis an die Endstation
Ich nickte dir ein Wort aus dem Gedränge

(1986)

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AUFERSTEHUNG
für Martina und Gerardo

Kurz vor Ostern. Meine kleine
Freundin fliegt nach Rom. Zu Hause
Sitz ich und verfolg alleine
Jede Meldung ohne Pause
Denn die Al-Qaida-Krieger
Drohn, die Tempel zu zerstören
Ihre gut trainierten Flieger
Stehn bereit. So muß ich hören

Währenddessen schlendert meine
Freundin durch die Kolonnaden
Aber, Gott sei Dank, alleine
Ist sie nicht. An den Gestaden
Der Geschichte trifft sie ihren
Bel-Ami vom andern Ende
Des Planeten. So flanieren
Beide glücklich durchs Gelände

Schützend hält jetzt Aphrodite
Ihre Hände über beide
Und das ist die halbe Miete
Weiß ich, während ich noch leide
Und er sagt ihr: Mi querida!
Vor der Petersdomkapelle
Und die Jungs von Al-Qaida
Sind entwaffnet auf der Stelle

Nur die Tagesthemen wissen
Noch nichts von der frohen Kunde
Während sich die beiden küssen
Auf dem Flugplatz jetzt zur Stunde
Um entfernt zu Haus zu landen
Und ich bin noch ganz benommen
Gott, der Sohn, ist auferstanden
Und ich bin davongekommen

(2004)

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NICHT MEHR ALS
für Martina

Ich hab nicht ein Kind vorm Verhungern gerettet
Und keine Guerilla im Dschungel trainiert
Ich hab mich nicht an ein Fabriktor gekettet
Und keinen Atommülltransporter blockiert
Ich hab keinen Bürgerkriegsflüchtling verborgen
Und keinen Diktator zur Hölle geschickt
Ich denk auch nicht immer schon heute an morgen
Und hab dir nur’n paar leise Lieder gestrickt

Nein, ich hab nicht mehr als ein paar Worte
Gegen alle Kriege und für dich
Und ob ich sie schreibe oder sage
Oder auf den Markt der Eitelkeiten trage
Ändert nicht die Welt und nicht mal mich

Ich hab nicht den Mord in der Botschaft verhindert
Und nicht eine Bombe auf Afghanistan
Ich hab nicht die Schmerzen der Mütter gelindert
Lebendig Begrabener im Ozean
Ich hab nicht den Kanzler und seine Vasallen
Und kaltheiße Krieger zum Stehen gebracht
Und doch hoff ich noch, daß mein Lied dich vor allen
Gefahren beschützt und dich mutiger macht

Nein, ich hab nicht mehr als ein paar Töne
Gegen alle Kriege und für dich
Und ob ich sie pfeife oder singe
Oder auf den Markt der Eitelkeiten bringe
Ändert nicht die Welt und nicht mal mich

(2002)

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FRANK VIEHWEG: LIEDERMACHER, TEXTAUTOR, NACHDICHTER
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